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USA
08/19/2014

Ausschreitungen in Ferguson reißen nicht ab

In der Nacht gab es wieder Krawalle und mehrere Verletzte. Auch deutsche Journalisten wurden verhaftet.

In der US-Kleinstadt Ferguson im Staat Missouri ist es in der Nacht auf Dienstag vereinzelt zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Nachdem einige Protestierende mit Glas- und Plastikflaschen warfen und versuchten, eine Straße zu blockieren, setzte die Polizei nach Angaben laut CNN Tränengas ein. Augenzeugen berichteten auch von Schüssen. Die Polizei meldete später, zwei Menschen seien durch Schüsse verletzt worden. Die Polizei hat nach eignen Angaben keine Schusswaffen verwendet. Angeblich sollen Demonstranten auch wieder Molotowcocktails eingesetzt haben. Es wurden 31 Menschen festgenommen - darunter auch Hedy Epstein, eine 90-jährige Holocaust-Überlebende. Sie war nach Ferguson gekommen, um für eine gerechte Polizei zu demonstrieren.

Journalisten festgenommen

Bei ihrer Berichterstattung sind auch deutsche Journalisten von der Polizei vorübergehend festgenommen worden. LautWeltwurden Ansgar Graw und Frank Herrmann am Montag in Handschellen abgeführt und ins Gefängnis gebracht. Drei Stunden später wurden sie freigelassen. Graw schreibt für dieWelt-Gruppe, Herrmann für eine Reihe von Regionalzeitungen und den österreichischenStandard. Hintergrund der Festnahme soll laut demWelt-Bericht eine Aufforderung der Polizei gewesen sein, auf einer fast menschenleeren Straße nicht stehen zu bleiben. Beide Reporter versicherten, der Aufforderung gefolgt zu sein.

Auch der Bild-Reporter Lukas Hermsmeier ist von der Polizei festgenommen worden. Hermsmeier (26) befinde sich an einem unbekannten Ort und solle in das Gefängnis von St. Louis gebracht werden, teilte Bild am Dienstag mit.

Nicht auf dem Gehsteig

Weil die Unruhen nicht abreißen, soll jetzt die Nationalgarde für Ruhe sorgen. Eine entsprechende Anordnung unterzeichnete Montagfrüh der Gouverneur von Missouri, Michael Brown. Nachdem er die örtliche Polizei, 50 weiße und drei afroamerikanische Ordnungshüter, abgezogen und die Highway Polizei gerufen hatte, holt er sich nun Verstärkung durch die Armee.

In Ferguson, einem überwiegend von Afroamerikanerin bewohnten Vorort von St. Louis, hatte ein weißer Polizist einen schwarzen Jugendlichen erschossen. Dessen Vergehen: Er und ein Freund waren am vorvergangenen Samstag nicht auf dem Gehsteig, sondern auf der Straße gegangen, als sie der 28-jährige Polizist aus seinem Auto heraus anhielt und Brown dann mit mindestens sechs Schüssen, zwei davon in den Kopf und vier in den rechten Oberarm, erschoss.

Das stellte der Pathologe Michael Baden fest, der von den Eltern beauftragt worden war, ein Gutachten zu erstellen. Baden ist in den USA eine Instanz, er war der oberste Gerichtsmediziner von New York, wurde bereits als junger Arzt bei den Untersuchungen zum Mord an US-Präsident John F. Kennedy zurate gezogen und war ein Gutachter im Fall des Ex-Footballstars O.J. Simpson.

Explosive Lage

Was Ferguson passiert ist, hätte auch überall sonst geschehen können, wo sich schwarze Gettos bilden: Alle, die es sich leisten können, ziehen fort. In Ferguson gibt es wenig Arbeit, der Frust ist gewaltig.

Der Tod des Jugendlichen, der gerade seine Schulausbildung beendet hatte und auf ein College gehen wollte, versetzte viele in so große Wut, dass sie ihre eigenen Viertel brandschatzten. Präsident Barack Obama meldete sich mehrmals zu Wort. Er forderte Aufklärung, sprach von Gerechtigkeit. Doch Obama wird von den Afroamerikanern nicht als Präsident der Schwarzen wahrgenommen, sondern höchstens als erster schwarzer Präsident. Rechtsprofessor Randall Kennedy sagt, dem Präsidenten fehle jede Agenda und Vision. "Mitfühlende Sätze erklären nicht viel, versprechen nicht viel und sagen uns nicht, wie es weitergeht." Die unterprivilegierte Situation der Afroamerikaner hat sich nicht verbessert. Ihr Haushaltseinkommen ist immer noch deutlich niedriger als das der Weißen, schwarze Kinder haben wenig Chancen, gute Bildung zu erlangen, wenn sie armen Städten wie Ferguson leben.

Willkür und Schikanen

Die Entsendung der Nationalgarde bedeutet eine weitere Zuspitzung der Lage. Viele deuten Browns Erschießung als Ausdruck eines institutionellen Rassismus. Denn oft genug fiel die hochgerüstete weiße Polizei in der Kleinstadt durch Willkür, Schikanen und Respektlosigkeit auf. Und auch unter dem schwarzen Captain der Highland-Polizei, Ron Johnson, wurden Sonntagabend zwei angeblich friedliche Demonstranten angeschossen und schwer verletzt. Die Rechtfertigung: Man habe auf Schüsse, Plünderungen und Vandalismus reagiert.

Nationalgarde: Die militärische Reserve der USA

Geschichte Die Nationalgarde entstand aus den Milizen des Unabhängigkeitskrieges. Die reguläre Armee war im 19. Jahrhundert schwach. 1903 wurde sie Reserve der Streitkräfte.

Einsätze In allen Kriegen, bis auf den Vietnamkrieg, wurden Nationalgardisten eingesetzt. George W. Bush wurde Nationalgardist und entging damit der Einberufung nach Vietnam.

Milizheer Nach einer Grundausbildung sind mehrere Jahre Dienst und Ausbildungen zu absolvieren. Der Dienst umfasst in Friedenszeiten normalerweise zwei Tage pro Monat und zwei Wochen pro Jahr.

Ferguson im Ausnahmezustand

Der Präsident, der die Hautfarbe ignorierte

Es war vermutlich einer der menschlich bewegendsten Momente seiner bisherigen Präsidentschaft. Mit Trayvon Martin war vor zwei Jahren ein anderer junger Afroamerikaner Opfer grundloser rassistischer Gewalt geworden. Und der Präsident tat einmal das, was er meist peinlich vermieden hatte: Er brachte seine eigene Hautfarbe ins Spiel: "Vor 35 Jahren hätte ich selbst dieser Trayvon Martin sein können."

Der erste schwarze Präsident der USA wollte Obama sein, nie aber ein Präsident für die Schwarzen. Und weil man auf diese Weise den Vorurteilen, dem Rassismus vieler weißer Amerikaner einfach ausweichen konnte, tat Obama ständig so, als würde sich der schon durch seinen Einzug ins Weiße Haus von allein in Richtung Geschichte verabschieden. Die Bluttat von Ferguson wie auch die gewaltsamen Konsequenzen zeigen, dass das Gegenteil eingetreten ist. Wirtschaftskrise und wachsende soziale Gegensätze haben die Rassengrenzen nur noch schärfer gezogen. Städte wie Ferguson sind nicht nur von Industrie und Gewerbe, sondern auch von der weißen Bevölkerung verlassen. Zurück bleibt ein schwarzes Getto, in dem die Polizei auftritt wie sonst nur die US-Armee im Irak. Dass diese paramilitärische Aufrüstung weitere Gewalt förmlich provoziert, hätte gerade dem ehemaligen Sozialarbeiter Obama bewusst sein müssen. Gegen das Wachsen der Gettos, das drastische soziale Absacken der Afroamerikaner hatte der nichts zu bieten als mahnende Worte an die jungen Schwarzen. Die aber hören nicht mehr auf den Mann, den sie einst als Helden feierten. Zu oft hat er klargemacht, dass er keiner von ihnen, sondern vielmehr eine Art farbloser Präsident ist – und durch den schauen viele einfach hindurch.

Aufruf zum friedlichen Widerstand: Al Sharpton, Martin Luther Kings Sohn

Fast zwei Meilen lang war die Autoschlange vor der Greater Grace Church in Ferguson. Bei der Messe am vergangenen Sonntag hätte man wohl ein Dutzendfaches der knapp 1000 Sitzplätze besetzen können, so groß war der Andrang.

Es waren zwei der wichtigsten Stimmen des schwarzen Amerika, die bei diesem Gottesdienst das Wort ergriffen: Al Sharpton, Prediger und Bürgerrechtler, und Martin Luther King III, Sohn des 1968 ermordeten Führers der Bürgerrechtsbewegung. Sharpton, der sich 2004 sogar um die US-Präsidentschaft bewarb, gilt als einer der kämpferischsten Vertreter der US-Afroamerikaner. Und der 59-Jährige machte aus seiner Predigt das, was viele Schwarze, nicht nur in Ferguson, an diesem Sonntag von ihm erwartet hatten: Einen Aufruf zum – wenn auch friedlichen – Widerstand. Sharpton erinnerte an die zahlreichen Fälle der letzten Jahre, bei denen schwarze Jugendliche Opfer von unverhältnismäßiger Polizeigewalt geworden waren. Man sei an einem entscheidenden Punkt angelangt: „Jetzt geht es darum, wie dieses Land mit Polizeigewalt und den Rechten seiner Bürger umgeht.“ Man werde nicht verstummen, bis endlich Konsequenzen aus Bluttaten wie in Ferguson gezogen worden seien.

Kritik an Obama

Die Polizei, so machte auch Martin Luther Kings Sohn deutlich, müsse endlich ihre „Zuerst schießen, dann fragen“-Taktik überdenken, vor allem gegenüber Schwarzen. Unüberhörbar war auch die Kritik an Präsident Obama. Dessen Versprechen, die Grenzen zwischen den Rassen zu überwinden, sei noch lange nicht erfüllt.

Mit Jubel, aber auch mit unverhohlenem Zorn reagierte die Gemeinde auf die politischen Kommentare von der Kanzel. Eine uralte Tradition im schwarzen Amerika. Wie immer bei Rassenunruhen und Konflikten zwischen schwarzen und weißen Amerikanern, versammeln sich die Afroamerikaner um ihre Prediger. Seit den Zeiten, als Schwarze in den USA noch von jeder politischen Mitbestimmung ausgeschlossen waren, ist die Kirche der Treffpunkt, wo man nicht nur religiöse, sondern auch politische Orientierung sucht. Wie schon Martin Luther King werden Prediger wie Al Sharpton auch heute von konservativen Amerikanern als politische Brandstifter verunglimpft. Doch Sharpton weiß auch diesmal, welche rote Linie er nicht überschreiten darf. „Gewalt und Plünderungen“, wie sie in Ferguson passierten, würden den Anliegen der Schwarzen nur schaden: „Wir sind keine Plünderer, wir sind Befreier.“

Waffengewalt gegen Schwarze in den USA

Februar 2012 Der schwarze 17-jährige Jugendliche Trayvon Martin wird in Florida von dem Nachbarschaftswächter George Zimmerman erschossen. Der Fall löste eine landesweite Kontroverse über Rassismus aus, zumal der Prozess gegen Zimmerman 2013 mit einem Freispruch endete.

Juli 2010 Nach einem milden Urteil gegen einen weißen Ex-Polizisten kommt es in Kalifornien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

November 2006 Ein unbewaffneter Schwarzer stirbt im Kugelhagel der New Yorker Polizei. Er hatte nach dem Verlassen einer Bar im Auto mit Freunden ein Zivilfahrzeug der Polizei gerammt. Im April 2008 werden drei Polizisten freigesprochen.

April 2001 Tödliche Schüsse eines Polizisten auf einen unbewaffneten Schwarzen lösen schwere Rassenunruhen in Cincinnati (Ohio) aus. Die Behörden rufen den Notstand aus. Der getötete 19-Jährige war bei einer Kontrolle geflüchtet, der Polizist wurde freigesprochen.

Februar 2000 Vier Polizisten, die einen afrikanischen Einwanderer erschossen hatten, werden freigesprochen. Das Urteil der Jury aus schwarzen und weißen Schöffen ist heftig umstritten, in New York kommt es zu Ausschreitungen.

März 1991 Vier Autobahn-Polizisten schlagen den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd zusammen. Ein Amateur-Video geht um die Welt. Der Freispruch der Männer führt in Los Angeles zu Unruhen mit Dutzenden Toten. In einem Revisionsverfahren werden zwei der Polizisten 1993 zu jeweils 30 Monaten Haft verurteilt. Außerdem erhält das Opfer eine millionenschwere Entschädigung.

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