Attentäter dürften weitere Anschläge geplant haben
Der mutmaßliche Attentäter des Boston-Marathons ist aus dem Koma erwacht - er wird derzeit von den Ermittlern vernommen: Dschochar Zarnajew (19), der auf der Intensivstation eines Krankenhauses liegt, könne wegen eines Durchschusses im Mund nur schriftlich auf Fragen antworten, berichteten die TV-Sender ABC und NBC.
Details der Befragung sind noch nicht bekannt - Bostons Polizeichef Ed Davis hat aber in einer ersten Stellungnahme vermutet, dass die Brüder weitere Anschläge geplant hätten: Die Polizei habe anhand der inzwischen gefundenen Beweise Grund zur Annahme, dass die Brüder "weitere Menschen attackieren" wollten, sagte Davis dem Sender CBS. Allerdings machte Davis keine Angaben dazu, wer Ziel der nächsten Angriffe sein sollte.
Waffenarsenal entdeckt
Beamte hätten bei der Verfolgung von Tamerlan und Dschichar Zarnajew ein ganzes Arsenal hausgemachter Bomben und Materialien sichergestellt. Fünf Rohrbomben, vier Schusswaffen, ein M4-Karabiner – ähnlich wie jene Waffen, die von den US-Streitkräften in Afghanistan eingesetzt werden – wurden auf jenem Boot entdeckt, auf dem sich der jüngere der beiden Verdächtigen versteckt gehalten hatte. Zwei Faustfeuerwaffen und ein Luftgewehr sollen die beiden bei ihrem Schusswechsel mit der Polizei verwendet haben – dabei wurde bekanntlich der 26-jährige Tamerlan Zarnajew getötet.
Woher die beiden die Waffen hatten, ist allerdings noch unklar. Relativ sicher sind sich die Behörden allerdings, dass sie allein gehandelt haben. Ihr Wissen stamme vornehmlich aus dem Netz, berichtet die New York Times – und die Anleitung zum Bau der Bomben hätten sie aus einem englischsprachigen El-Kaida-Magazin, das im Jemen publiziert werde.
FBI gerät ins Kreuzfeuer der Kritik
Unterdessen gerät die US-Bundespolizei FBI zunehmend in die Kritik. Sie soll den Hinweisen auf einen islamistischen Hintergrund dessen Bruders, des getöteten 26-jährigen Tamerlan Zarnajew, nicht genügend nachgegangen sein, wie die New York Times am Montag berichtete.
Die Kongressabgeordneten Michael McCaul und Peter T. King kritisierten das FBI und sprachen von einem "geheimdienstlichen Versagen", wie das Blatt berichtete. Der Fall werfe ernsthafte Fragen über die Wirksamkeit der Terrorismusbekämpfung in den USA auf, schrieben die beiden Republikaner in einem an das FBI, das Heimatschutzministerium und den Chef der Nationalen Nachrichtendienste adressierten Brief.
Todesstrafe droht
Dschochar Zarnajew wird unter schärfster Bewachung auf der Intensivstation des Beth Israel Deaconess Medical Center behandelt. Er werde weiter künstlich beatmet und könne daher nur schriftlich auf die Fragen der Ermittler antworten, berichteten US-Medien. Die Ermittler wollen vor allem Aufschluss über das Motiv für den Anschlag erhalten und über etwaige Komplizen.
Staatsanwältin Carmen Ortiz bereitete nach Angaben der Polizei die Anklage gegen den Tatverdächtigen vor, die möglicherweise noch am Montag eingereicht werden solle. Der 19-Jährige muss mit der Todesstrafe rechnen. Massachusetts hat sie zwar abgeschafft, die USA als Staat aber nicht. Der TV-Sender CNN zitierte einen Beamten aus dem Justizministerium mit den Worten, Zarnajew müsse sich wohl nach Bundesrecht wegen Terrorismus verantworten und nach Landesrecht wegen Mordes.
Vater von Unschuld überzeugt
Der Vater der beiden, Ansor Zarnajew, ist weiter von der Unschuld seiner Söhne überzeugt. Sein Sohn Tamerlan "hätte das, was ihm vorgeworfen wird, niemals tun können", sagte Tsarnaev der russischen Tageszeitung Komsomolskaja Prawda. Der 26-Jährige sei "ein guter Moslem" gewesen. Nach seiner Hochzeit sei Tamerlan "sehr religiös" geworden und jeden Freitag in die Moschee gegangen. Zuletzt habe er mehrere Monate lang keine Arbeit gehabt und sich zuhause um sein dreijähriges Kind gekümmert. Auch seinen Sohn Dschochar verteidigte der Vater. Der 19-Jährige habe "große Pläne" gehabt: Dschochar habe Arzt werden und eine Praxis eröffnen wollen. "Jetzt ist die Rede von Bombenanschlägen. Wie ist das möglich?", fragte Ansor Zarnajew. Er bezeichnete die Ermittlungen gegen seine Söhne als "politischen Auftrag" und als "Hollywoodshow".
Islamistischer Hintergrund möglich
Sicherheitskreise schließen einen islamistischen Hintergrund der Tat nicht aus. Tamerlan Zarnajew war bereits Anfang 2011 vom FBI befragt worden, nachdem russische Sicherheitsdienste ihn radikal-islamischer Überzeugungen verdächtigt hatten. Das FBI erklärte allerdings, nach einer Überprüfung habe es damals keine Anhaltspunkte für "terroristische Aktivität" gegeben. Tamerlan Zarnajew war im Jänner 2012 nach Moskau gereist und hielt sich sechs Monate in Dagestan auf, wo seine Eltern leben. Es sei unklar, wozu die Reise gedient habe und ob der aus einer tschetschenischen Familie stammende Verdächtige womöglich Kontakte zu militanten islamistischen Gruppen aus der Kaukasusregion gehabt habe, hieß es in Justizkreisen.
Genau eine Woche nach dem Anschlag waren die Bewohner des US-Staates Massachusetts an diesem Montag aufgerufen, der Opfer zu gedenken. Bostons Bürgermeister Thomas Menino und Gouverneur Deval Patrick riefen zu einer Schweigeminute um 20.50 Uhr (MESZ) auf, dem Zeitpunkt der Explosionen. Anschließend sollen in ganz Massachusetts die Kirchenglocken läuten.
Die Stadt Boston feiert indes sich und ihre Helden. Beim ersten Heimspiel der Boston Red Sox nach fünf Tagen Bombenterror gedachten Tausende Anhänger der Baseballer der Opfer der Anschläge: Der drei Toten beim Marathon und des jungen Sicherheitsbeamten, Sean Collier, der am Donnerstag auf dem Gelände des Massachusetts Institute of Technology (MIT) von den Brüdern erschossen wurde. Statt ihres traditionellen Trikots trug die Mannschaft T-Shirts mit dem Aufdruck Boston.
Neil Diamond in Boston
Auch beim London- und Hamburg-Marathon am Sonntag wurden für die Opfer von Boston Schweigeminuten eingelegt.
Ein Motorboot aus den 1980er-Jahren, von Kugeln durchsiebt, mit Blutspuren verschmiert: Das letzte Versteck des mutmaßlichen Marathon-Bombers im Vorort Watertown ist zur großen Attraktion geworden. In den Stunden der Großfahndung waren Bewohner und Touristen mit einem Ausgehverbot belegt. Nach der Ergreifung des Täters strömen sie jetzt in die Franklin Street in Watertown – an den Ort, an dem der Schrecken zu Ende ging.
Nur der Mann, der sich als Held von Boston feiern lassen könnte, ist auf Tauchstation gegangen. David Henneberry hatte der Polizei den entscheidenden Hinweis gegeben, weil die Bootsplane im Wind geflattert ist und er darunter zu Recht den Bombenleger vermutete. Er sei „schockiert und völlig verzweifelt“, sagt sein Nachbar George Pizzuto, dass sein geliebtes Boot, in dem sich Dschochar Zarnajew am Freitag während der Ausgangssperre versteckte, bei seiner Verhaftung „über den Haufen geschossen“ wurde. Henneberry ist verschwunden, nach feiern sei ihm nicht zumute, sagt sein Nachbar. „Das Boot war sein Baby. Es war unglaublich, wie er sich darum gekümmert hat. Und dann haben sie ihm gesagt, es sei total zusammengeschossen. Es muss ihm das Herz brechen.“
An der gelben Polizeiabsperrung vor Henneberrys Haus drängen sich Schaulustige und Fernsehteams aus aller Welt. Das völlig zerschossene Boot, das im Garten überwintert wurde, steckt zwecks Spurensicherung unter einer Plane. Dave Lawrence aus New York, der für eine Konferenz in Boston weilt, sagte: „Ich musste einfach herkommen. Der Mann, der den Täter fand, ist ein Held. Ich will ihm die Hand schütteln.“ Auf Facebook wurde schon eine Spendenaktion gestartet. Damit sich der Held von Watertown ein neues Boot kaufen kann.
Zuerst das Telefonat auf höchster Ebene zwischen US-Präsident Barack Obama und seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin – dann wohl ein intensiver Austausch der Geheimdienststellen beider Staaten über das tschetschenische Netzwerk. Denn klar ist: Die Bostoner Bomben-Brüder tschetschenischer Abstammung hatten eine Vorliebe für Websites, auf denen die Unabhängigkeit der Teilrepublik gefordert wird.
Bis dato, so hieß es, konnte Moskau aber keine sachdienlichen Hinweise geben, ob die Zarnajews in irgendeiner Beziehung zu radikal-islamischen Gruppen stehen, von denen es im Kaukasus nur so wimmelt. Für Washington ist dies hinsichtlich der Frage von besonderer Bedeutung, ob die Burschen als Einzeltäter auftraten, wofür derzeit viel spricht, oder ob es doch Hintermänner gibt.
Vor diesem Hintergrund konzentrieren sich die US-Ermittlungen auch auf einen Aufenthalt von Tamerlan Zarnajew, 26, in Russland. Im Vorjahr soll er mehrere Monate dort verbracht haben. Wenn darüber jemand Informationen hat, dann die Behörden in Moskau.
Moskau warnte
Fest steht nämlich, dass Russland die tschetschenische Extremisten-Szene ganz gut im Blick hat. Von dort kam auch vor zwei Jahren der Hinweis, dass Tamerlan Zarnajew, der damals schon neun Jahre lang in den USA lebte, möglicherweise ein Extremist sei. Das FBI begann, den jungen Mann zu durchleuchten, kam aber zum Schluss, dass nichts auf „terroristische Aktivitäten“ hinweise. Dem widerspricht die Mutter des 26-Jährigen: „Das FBI wusste, dass er Islamistenführer ist“, sagte Subeidat Zarnajewa in der fernen Kaukasus-Republik Dagestan.
Die jüngsten Ereignisse in Boston könnten jedenfalls zu einer verstärkten Kooperation der USA mit Russland im Kampf gegen den internationalen Terrorismus führen. Und so auch die politischen Beziehungen, die zuletzt deutlich abgekühlt sind, wieder intensivieren.
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