© KURIER/Archiv

100 Jahre danach
11/29/2013

Schöne Tage 1914

Ein neues Buch schildert, wie Europa, ohne es zu ahnen, in den Krieg schlitterte.

von Georg Markus

Schöner Sommertag“, notiert Arthur Schnitzler am 28. Juni 1914 in sein Tagebuch. Ein Frühsommer wie jeder andere. Die Kurorte erwarten ihre Gäste, die Seebäder an der Adria werben um Sonnenhungrige und wer es sich leisten kann, reist an die Côte d’Azur. Selbst als sich die Nachricht vom Attentat auf Franz Ferdinand und seine Gemahlin verbreitet, lassen sich die Wiener nicht abhalten, ihre Sommerfrische anzutreten. Der Thronfolger war ohnehin unbeliebt. Ein ganz normaler Sommer also?

Alles andere als das, der 28. Juni stürzt das 20. Jahrhundert ins Unglück. Doch niemand ahnt das damals. Die Diskrepanz zwischen Vorfreude auf den „Sommer des Jahrhunderts“ und der politischen Katastrophe wird in dem neuen Buch „Schöne Tage 1914“ von Gerhard Jelinek eindrucksvoll beschrieben.

1. Jänner Der Tanz auf dem Vulkan beginnt mit einem Leitartikel im Fremdenblatt, der „ein gutes Omen für das neue Jahr“ erkennen will.

15. Jänner In Wien werden Gespräche über den Bau einer U-Bahn geführt. Es sollte noch 64 Jahre dauern, bis die erste Linie eröffnet wird.

25. JännerEin Buch mit allen Autonummern erscheint in Wien. Thronfolger Franz Ferdinand hat die Nr. „A 4“.

27. Februar Der britische Premierminister Asquith lehnt die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht ab, was als Friedenssignal gesehen wird.

1. März Pablo Picasso stellt in Wien neue Werke vor.

7. März Die Neue Freie Presse berichtet über Kriegsvorbereitungen der russischen Armee. Aus St. Petersburg kommt ein Dementi.

März Österreich-Ungarns Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf drängt auf einen Präventivkrieg gegen Serbien. Erzherzog Franz Ferdinand ist dagegen.

16. März Das Parlament in Wien „vertagt“ sich auf unbestimmte Zeit. Ab sofort wird (bis 1917) mit kaiserlicher Notverordnung regiert.

19. März Laut Armeezeitung ist die k. u. k. Armee derzeit zu keiner kriegerischen Aktion, etwa gegen Serbien, fähig.

April/Mai In Wien spricht man davon, dass die Tage des Kaisers, den ein „Katarrh der Luftwege“ plagt, gezählt seien. Franz Ferdinand habe alle Pläne zur Übernahme der Macht in der Schublade. Doch der beinahe 84-jährige Franz Joseph erholt sich.

Ende MaiAlma Mahler (35) schreibt in ihr Tagebuch: „Mit Oskar (Kokoschka) möchte ich abrechnen. Er taugt nicht mehr in mein Leben... Jetzt ist der Moment da. Weg mit ihm!“

21. Juni Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (71) stirbt eine Woche vor den Schüssen von Sarajewo.

28. Juni Franz Ferdinand wird ermordet, die Nachricht dringt nach Wien durch. Außenminister Graf Berchtold ist nicht erreichbar, er ist zur Jagd im mährischen Buchlau. Dort ist das Telefon ab Sonntagmittag gesperrt.

Kaiser Franz Joseph reagiert kühl, als er vom Tod seines Neffen erfährt: „Entsetzlich! Der Allmächtige lässt sich nicht herausfordern. Eine höhere Gewalt hat wieder jene Ordnung hergestellt, die ich nicht erhalten konnte.“ Paradox: Obwohl der Kaiser ein gespanntes Verhältnis zu Franz Ferdinand hatte, ist sein Tod Anlass, einen Krieg vom Zaun zu brechen.

29. Juni Der Abgeordnete Josef Redlich notiert: „In der Stadt herrscht keine Trauerstimmung, im Prater ... überall Musik!“ Rapid verliert durch eine überraschende Niederlage gegen Simmering die österreichische Fußballmeisterschaft.

Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf will „die Gunst der Stunde“ nützen, um Krieg zu führen, er fordert die sofortige Mobilisierung gegen Serbien.

30. Juni Die Geschäfte bieten „schwarzes Tuch und Trauerflor“ an; Warenhäuser werben mit „Trauerfahnenstoffen in riesiger Auswahl“.

6. Juli Kaiser Franz Joseph fährt wie jeden Sommer im Hofzug mit seinem aus 120 Personen bestehenden Hofstaat nach Bad Ischl; Kaiser Wilhelm II. tritt auf seiner Yacht „Hohenzollern“ eine Nordland-Kreuzfahrt an. Keiner der beiden Monarchen sieht einen Grund, auf den Urlaub zu verzichten, dabei ist längst klar, dass auf Sarajewo ein Krieg folgen wird.

28. Juli Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

Gerhard Jelinek lässt aus Briefen, Tagebucheintragungen und Zeitungsberichten die Zeit zwischen 1. Jänner und 3. August 1914 lebendig werden. Das Ende ließ „vier Imperien und eine ganze Welt zum Einsturz bringen“.

Ein Buch, das die Dramatik des Alltags auf spannende Weise beschreibt.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.