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Chronik Welt
01/30/2022

Die Baguette-Provokation: Der Preiskampf um die französische Brotstange

Supermarktketten wollen die unverzichtbare Brotstange um nur 29 Cent verkaufen. Das sorgt für Empörung bei Bäckern und Müllern, denn Getreide ist teuer

von Simone Weiler, Paris

Die Französinnen und Franzosen sind bekannt dafür, für gutes Essen und Trinken gerne auch etwas mehr auszugeben – beim Genuss zu sparen passt nicht zur Kultur. Das gilt freilich nur für diejenigen, die es sich leisten können. Alle anderen dürften sich durchaus angesprochen fühlen von der neuen Verkaufsoffensive der Supermarkt-Kette Leclerc. 29 Cent verlangt der Konzern für das Baguette und verspricht in einer großen Werbekampagne, den Mini-Preis sechs Monate lang „einzufrieren“, um angesichts der aktuellen Inflation die Kaufkraft der Menschen zu schützen.

Was wie eine soziale Aktion klingt, bringt allerdings mehrere Branchen von den Getreideherstellern über die Müller bis zu den Bäckern in Rage. Sie schimpfen über unlautere Konkurrenz.

„Das ist eine Provokation von Leclerc zu einem Zeitpunkt, zu dem doch jeder versucht, korrekt von seiner Arbeit zu leben“, reagierte der Präsident der Nationalvereinigung der Bäckermeister, Dominique Anract. Man prüfe rechtliche Schritte, denn unter Produktionskosten zu verkaufen, sei in Frankreich illegal.

Er würde gerne von Konzernchef Jean-Michel Leclerc erfahren, „wo er sein Mehl kauft und über welche Produkte er es kompensieren wird“, ließ der Chef der Nationalen Vereinigung der französischen Müller, Jean-François Loiseau, wissen. Innerhalb eines Jahres seien die Weizenpreise um rund 30 Prozent gestiegen.

„Leclerc fordert für sich das Recht ein, seine Margen bei Produkten zu verringern, die für seine Kundinnen und Kunden wichtig sind“, reagierte das Unternehmen, das mit einem Marktanteil von 16,4 Prozent führend in seinem Bereich in Frankreich ist. Ohnehin habe man den Baguette-Preis nur um ein paar Cent gesenkt: Er sei auch vorher schon sehr niedrig gewesen.

Inzwischen heißt es, der Lidl-Konzern, der auch in Frankreich aktiv ist, wolle mit demselben Baguette-Verkaufspreis nachziehen.

Seit 1998 ist der Begriff „Bäckerei“ in Frankreich geschützt. Verwenden dürfen ihn nur Läden, in denen Brot vor Ort gemacht und nicht nur aufgebacken und dann verkauft wird – das betrifft alle Herstellungsschritte vom Kneten des Teiges über die Gärung bis zum Backen.

Landesweit gibt es noch 33.000 handwerklich arbeitende Bäckereien, in denen das Baguette in der Regel einen Euro kostet. Das lohnt sich durch die Masse: Pro Jahr gehen insgesamt sechs Milliarden Brotstangen über die Bäcker-Ladentheken.

Viele Wettbewerbe

In vielen Städten und Regionen gibt es heiß umkämpfte Wettbewerbe um das beste Baguette – wer die Auszeichnung ergattert, schreibt sie stolz auf seine Vitrinen. Der Sieger in Paris darf ein Jahr den Élysée-Palast beliefern.

In der Corona-Pandemie litt die Bäcker-Branche stark: Durch die Lockdowns und den Trend zum Homeoffice kauften sich deutlich weniger Menschen ihr Mittagsessen bei ihnen. Außerdem begannen auch in Frankreich viele Menschen, ihr eigenes Brot zu backen. Laut einer Statistik aus dem Jahr 2017 darf das Baguette für 54 Prozent der französischen Bevölkerung bei keiner der drei Hauptmahlzeiten fehlen. Derzeit läuft der Antrag, die mythische Brotstange ins Weltkulturerbe der UNESCO aufzunehmen.

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