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Chronik Welt
04/25/2021

350.000 Neuinfektionen: Indiens Gesundheitssystem vor dem Kollaps

Mutationen, Feste und Sportveranstaltungen als Pandemie-Treiber. Nun sagt die ganze Welt Hilfe zu.

Indien kĂ€mpft gegen eine gewaltige neue Corona-Welle. Zahlreiche KrankenhĂ€user senden Hilferufe aus, weil die Intensivstationen ĂŒberlastet sind und der Sauerstoff zur kĂŒnstlichen Beatmung zur Neige geht. Die Zahl der Neuinfektionen binnen eines Tages stieg am Sonntag auf einen neuen Höchstwert von fast 350.000, und auch mit 2.767 Toten meldeten die Behörden einen neuen traurigen Tageshöchststand.

Hilfe aus aller Welt

Angesichts der dramatischen Zuspitzung der Corona-Pandemie hat Indien Hilfsangebote aus aller Welt erhalten. Die USA sagten dem Land am Sonntag die Lieferung von Rohmaterialien fĂŒr die Produktion des Astrazeneca-Impfstoffs, Medikamente, Schnelltests, BeatmungsgerĂ€te und Schnelltests zu, teilte das Weiße Haus in Washington mit. Auch aus Frankreich, Großbritannien, Deutschland und sogar vom Erzfeind Pakistan kamen konkrete Hilfszusagen.

US-Sicherheitsberater Jake Sullivan telefonierte mit seinem indischen Kollegen Ajit Doval, um ĂŒber die Hilfslieferung zu sprechen. Das Material solle Indien "sofort" bereitgestellt werden. "Genau wie Indien den Vereinigten Staaten Hilfe schickte, als unsere KrankenhĂ€user zu Beginn der Pandemie ĂŒberlastet waren, sind die Vereinigten Staaten entschlossen, Indien in der Zeit der Not zu helfen", erklĂ€rte das Weiße Haus. Die USA arbeiteten "rund um die Uhr" verfĂŒgbare Ressourcen und VorrĂ€te auszusenden.

Der EU-Kommissar fĂŒr Krisenmanagement, Janez Lenarčič, erklĂ€rte, BrĂŒssel habe auf indischen Wunsch bereits den Zivilschutzmechanismus aktiviert und werde bei der Versorgung mit Sauerstoff und Medikamenten helfen. Der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron, der britische Premierminister Boris Johnson und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel teilten mit, dass ihre LĂ€nder vor allem BeatmungsgerĂ€te nach Indien liefern wollen. "Wir stehen Seite an Seite mit Indien als Freund und Partner wĂ€hrend einer Ă€ußerst besorgniserregenden Zeit im Kampf gegen Covid-19", erklĂ€rte Johnson. Bereits am Samstagabend (Ortszeit) hatte auch das pakistanische Außenministerium Hilfslieferungen als "Geste der SolidaritĂ€t" angekĂŒndigt.

Die GrĂŒnde fĂŒr den unerwartet heftigen Ausbruch sind vielfĂ€ltig:

Der Glaube an die HerdenimmunitĂ€t 

WĂ€hrend die Pandemie Anfang 2021 zahlreiche Menschen weltweit zwang, möglichst zu Hause zu bleiben, sanken die tĂ€glichen Neuinfektionen in Indien landesweit auf unter 9.000. In dem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern wurden nur noch 80 TodesfĂ€lle pro Tag verzeichnet. Das weckte Hoffnungen, dass Indien das Schlimmste ĂŒberstanden habe.

Blutuntersuchungen legten nahe, dass ein großer Teil der Bevölkerung Antikörper gegen das Virus entwickelt und Indien bereits eine sogenannte HerdenimmunitĂ€t erlangt habe. Zudem wurde auf die vergleichsweise junge Bevölkerung und die Möglichkeit verwiesen, dass viele Inder durch den Kontakt mit zahlreichen Krankheitserregern besser gegen eine Infektion gewappnet seien als etwa Menschen in Europa.

Möglicherweise aufgrund einer neuen Virus-Mutante stieg die Zahl der Corona-Infektionen dann jedoch seit MÀrz sprunghaft an. Allein in den vergangenen sieben Tagen verzeichnete Indien zwei Millionen Neuinfektionen, das sind 58 Prozent mehr als noch in der Woche davor. Als Konsequenz stoppen nun mehr und mehr LÀnder den Reiseverkehr mit Indien.

Feste und Sportveranstaltungen als Pandemie-Treiber 

Als die FĂ€lle im Oktober und November 2020 zu sinken begannen, lockerte Indiens Regierung die Corona-Maßnahmen deutlich: Es wurden wieder Bollywood-Filme gedreht, die Menschen luden zu großen Hochzeitsfeiern und zahlreiche Zuschauer verfolgten im riesigen Narendra-Modi-Stadion, wie Indien England im Kricket besiegte. Zehntausende Bauern beteiligten sich an Protesten gegen neue Agrargesetze, und zahlreiche GlĂ€ubige strömten zu religiösen Festen. Bei der Kumbh Mela, einer der grĂ¶ĂŸten religiösen Feiern der Welt, drĂ€ngten sich zwischen JĂ€nner und Mitte/Ende April geschĂ€tzt 25 Millionen Pilger dicht an dicht, die meisten ohne Maske. In vielen Bundesstaaten gab es zudem Wahlkampfveranstaltungen, darunter eine von Premierminister Narendra Modi in Kolkata mit geschĂ€tzt 800.000 Teilnehmern. Inzwischen wurden die Corona-BeschrĂ€nkungen in vielen StĂ€dten wieder deutlich verschĂ€rft.

Keine Vorsorge fĂŒr Krisenzeiten

WĂ€hrend die Infektionszahlen zurĂŒckgingen, versĂ€umten es die Behörden, Indiens seit Jahrzehnten unterfinanziertes Gesundheitssystem zu stĂ€rken. In den KrankenhĂ€usern wurden weder die VorrĂ€te an Medikamenten aufgestockt, noch wurden Beatmungsanlagen installiert. Die Produktion des antiviralen Medikaments Remdesivir kam nahezu zum Erliegen, nachdem die Hersteller zwischenzeitlich auf LagerbestĂ€nden sitzen geblieben waren, wie die Zeitung "Indian Express" berichtete.

Experten wiesen bereits seit langem auf einen drastischen Mangel an medizinischem Sauerstoff in Indien hin, der fĂŒr die Behandlung von Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf lebensnotwendig ist. Wie die Nachrichten-Website "Scroll" berichtete, schrieb die Regierung erst im Oktober den Bau von Sauerstoffanlagen in 150 Distrikt-KrankenhĂ€usern aus. Die meisten seien noch immer nicht einsatzbereit. Im Bundesstaat Punjab hingegen warten einem Bericht der Zeitung "Tribune" zufolge 290 neue BeatmungsgerĂ€te ungenutzt in einem Lagerhaus. Die KrankenhĂ€user hĂ€tten sie nicht angefordert, unter anderem, weil das Personal nicht fĂŒr ihre Bedienung geschult sei.

Die Zentralregierung hat inzwischen ihr BemĂŒhungen verstĂ€rkt, Sauerstofflieferungen aus anderen LĂ€ndern zu bekommen. Zudem organisierte die Regierung SonderzĂŒge, um Sauerstoff in die am schlimmsten betroffenen StĂ€dte zu bringen.

Impfstoff-Spenden ans Ausland

In einem Akt der GroßzĂŒgigkeit spendete Indien dutzende Millionen im Land produzierte Impfdosen des Herstellers AstraZeneca an andere LĂ€nder. Als die Fallzahlen im FrĂŒhjahr dann in die Höhe schnellten, fror Neu-Delhi die Exporte ein, um die eigene Bevölkerung impfen zu können. Bisher wurden knapp 140 Millionen Inder geimpft, ab dem 1. Mai sind alle Erwachsenen zu einer Impfung berechtigt. Allerdings gibt es Berichte, wonach der Impfstoff in einigen Gebieten knapp wird.

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