Chronik | Österreich
13.10.2018

Verrückter Jahrgang mit viel Aroma

Aufgrund der lange anhaltenden Hitzeperiode waren die österreichischen Winzer heuer im Dauerstress.

Seit mehr als 40 Jahren ist er Winzer mit Leib und Seele. Man könnte annehmen, dass er im Weingarten schon alles miterlebt hat. Doch das, was er heuer zu sehen bekam, war selbst für ihn außergewöhnlich. „So ein verrücktes Jahr wie 2018 kannte ich bis dato nicht“, sagt der Wachauer Top-Winzer Franz Hirtzberger aus Spitz an der Donau.

Der 67-Jährige und seine Erntehelfer sind hoch über der malerischen Ortschaft in der Riede Singerriedel eifrig bei der Arbeit. Ein zielsicherer Schnitt mit der Baumschere, ein strenger Blick wenn die Trauben ohne Fäule sind, wandern sie unverzüglich in den Kübel. Er rechnet mit einem ähnlichen Jahrhundert-Jahrgang wie 2006.

Die Winzer-Dynastie Hirtzberger ist noch im Lesestress. Zwar birgt es ein Risiko, die Trauben wegen des raschen Wachstums – bedingt durch die Hitzeperiode – länger hängen zu lassen, doch das nimmt Hirtzberger in Kauf, weil es ihm um ein wesentliches Merkmal geht: „Meine Trauben sollen die volle physiologische Reife erreichen. Gerade bei langlebigen Weinen ist das von besonderer Bedeutung“, sagt der 67-Jährige. Heiße Sonnentage und kühle Nächte seien wertvoll und würden dem Wein seinen Charakter verleihen: „So können die Trauben mehr Aroma speichern.“

Einziges Manko bisher: Der massive Regen Anfang September hat für eine Fäule beim Riesling gesorgt. „Wir mussten viel selektieren. Daher ist die Menge heuer kleiner. Dafür sind die verbliebenen Trauben hochwertiger“, sagt der Winzer, der heuer von Weinen mit milder Säure und ausgeprägter Sortenaromatik ausgeht.

Langer Sommer

Überhaupt war das Weinjahr 2018 geprägt von einem anhaltenden Dauerstress für Trauben wie Weinbauern. Der Winter ging quasi gleich in den Sommer über. Es folgten rascher Austrieb und frühe Rebblüte. „Vieles musste im Weingarten viel schneller erledigt werden“, beschreibt Hirtzberger.

„Wir sind froh, dass es vorbei ist“, sagt Hubert Traxler vom gleichnamigen Weingut aus Langenlois im Kamptal. Eineinhalb Monate im Sommer ohne Regen seien problematisch gewesen. Da er wie viele andere bis zu drei Wochen früher als üblich mit der Weinlese begonnen hat, kann er erstmals in der Geschichte einen freien Oktober nutzen.

„Unsere Keller sind voll. Mit der Qualität sind wir zufrieden. Vor allem die Trauben, die wir in den vergangenen drei Wochen gelesen haben, sind aromatisch top. Der Konsument darf sich auf angenehm trinkbare Weine freuen“, sagt Traxler.

Die steirischen Winzer sind genauso begeistert. „Tolle Reife, toller Geschmack“, schwärmt Hannes Dreisiebner, Präsident des Weinbauverbandes. „Man kann von einem hervorragenden Wein ausgehen.“ Der Regen im September setzte auch den steirischen Trauben zu, deshalb musste heuer verstärkt per Hand gelesen werden. Dass die Ernte schon Ende September abgeschlossen war, ist ungewöhnlich: Wetterbedingt setzte sie heuer um Wochen früher ein. Die Wärme machte es auch nötig, die Trauben rascher zu verarbeiten. Aber die Qualität macht die Hektik wett. „Quer durch alle Sorten haben wir eine optimale Aromaausbildung.“

Überdurchschnittlich

Österreichs Weinbaupräsident Johannes Schmuckenschlager zieht eine positive Zwischenbilanz. Der Vegetationsverlauf sei alles andere als negativ gewesen: Er rechnet mit einer überdurchschnittlichen Ernte von 2,8 Millionen Hektolitern. Das liegt etwa 300.000 Hektoliter über dem österreichweiten Jahresdurchschnitt. „Die ersten Jungweine sind bereits auf dem Markt und besitzen einen fruchtigen und harmonischen Geschmack“, betont Schmuckenschlager.

Er freut sich, dass der Jahrgang 2018 das gesamte Spektrum des österreichischen Weins – von fruchtig-leicht bis kräftig und intensiv – abbilde. „Kommendes Jahr wird es vor allem bei den roten Weinen, unter denen einige ,Rotweinbomben’ sind, bestimmt zahlreiche Auszeichnungen geben.“