Chronik | Österreich
02.11.2018

Unwetter in Kärnten: Schäden im dreistelligen Millionenbereich

Die befürchteten Murenabgänge blieben vorerst aus, die Aufräumarbeiten gehen weiter. Es begann wieder zu regnen.

Die Lage in den Kärntner Katastrophengebieten hat sich in der Nacht auf Freitag nicht verschärft, bleibt aber angespannt. Befürchtete Murenabgänge sind ausgeblieben. Die Aufräumarbeiten sollen am Freitag fortgesetzt werden. Im am stärksten betroffenen Bezirk Hermagor werden entlang der Gail weiter Dämme repariert, die Straßen ins Lesachtal blieben weiterhin für den allgemeinen Verkehr gesperrt.

Auch am Freitag hat es wieder zu regnen begonnen. "Ich hoffe, dass der Regen nicht viel stärker wird", sagte der Bezirkshauptmann von Hermagor, Heinz Pansi, am Freitag in der Früh zur APA. "Wir versuchen, unser Programm weiter fortzusetzen." Entlang der Gail sollen die Sicherungsmaßnahmen intensiviert werden. Mit Blackhawk-Hubschraubern und der Unterstützung von Baufirmen werden Steine angeliefert, um die rund 200 Meter fehlenden Damms bei Waidegg oberhalb von Rattendorf provisorisch zu wieder herzurichten und den Bereich zu stabilisieren. Pansi: "Niemand gewährleistet uns, dass es nicht wieder Regen in diesem Ausmaß gibt."

Vier Gefahrenstellen

Im Lesachtal ist die Lage weitgehend unverändert. Die Zufahrt von der Kärntner Seite aus bleibt gefährlich und ist für den allgemeinen Verkehr deshalb gesperrt. Nur Einsatz- und Versorgungsfahrten dürfen die einspurig nutzbare Strecke befahren. Aktuell werden wieder Gefahrenstellen sondiert, ebenso alternative Erschließungswege. Von Osttiroler Seite her kommt man nur bis Maria Luggau. Kurz nach der Ortschaft ist die Bundesstraße über 100 bis 200 Meter abgebrochen. Pansi: "Die Gail hat den Fuß der Bundesstraße abgefressen."

Stromversorgung gibt es nach wie vor nur punktuell, Notstromaggregate sind im Einsatz. Am Freitag sollen wieder neue Strommasten angeliefert werden. Bei starkem Regen sind die Arbeiten an der Stromversorgung aber zu gefährlich, wie schnell es Verbesserungen gibt, hängt also von der Witterung ab.

Zivilschutzwarnung aufgehoben

Laut Pansi soll am Freitag auch die gesperrte Straße über den Plöckenpass in Angriff genommen werden. Neue Dammbrüche oder Muren wurden zunächst keine gemeldet. Allerdings könne nicht ausgeschlossen werden, dass es in abgelegeneren Gebieten zusätzliche Problemlagen gibt.

Im Bezirk Spittal wurde die Zivilschutzwarnung für die Mölltaler Gemeinde Mörtschach aufgehoben. "Es ist alles ruhig geblieben", sagte Bezirkshauptmann Klaus Brandner. Allerdings werde ab Mittag wieder Regen erwartet. Die Straße ins Mölltal, die am Donnerstag abschnittsweise gesperrt worden war, war am Freitag wieder befahrbar, teilweise allerdings nur einspurig. Die Aufräumarbeiten der Einsatzkräfte konzentrierten sich auf den Bezirk Hermagor, im Bezirk Spittal waren aber Aufklärungsflüge mit Forstleuten und Geologen geplant.

Millionenschaden in Kärnten

Trotz Beteuerungen von Behörden und Politik könnten Betroffene der Unwetter-Katastrophe jedenfalls auf großen Teilen der Schäden sitzenbleiben. Eine Pflichtversicherung für Hochwasserschäden gebe es noch immer nicht, kritisierte Gerhard Schöffmann von der Kärntner Landesversicherung am Freitag im Gespräch mit der APA. Er geht von Schäden im dreistelligen Millionenbereich aus.

"Für die Betroffenen ist das eine sehr schwierige Geschichte." Den Versichertenschaden, also das, was die Versicherer bezahlen werden, schätzt der Vorstandsdirektor allein in Kärnten auf 30 bis 50 Millionen Euro. Das sei aber nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich passiert sei. Der tatsächlich eingetretene wirtschaftliche Schaden liege um ein x-faches höher. Allein die Gebäudeschäden dürften sich auf 200 Millionen Euro belaufen. "Die Gesamtschäden mit Infrastruktur, Straßen, Brücken, Windbruch, den Folgeschäden in der Landwirtschaft lassen sich kaum abschätzen."

Volksanwalt Peter Fichtenbauer hat daher die Forderung nach einer Pflichtversicherung erneuert. In einer Aussendung am Freitag sagte er, dass Betroffene oft auf die Katastrophenfonds der Bundesländer angewiesen seien, aber keinen Rechtsanspruch hätten und die Entschädigungssummen oft nur "ein Tropfen auf dem heißen Stein" seien.

Während Sturmschäden - etwa abgedeckte Häuser - zur Gänze von den Versicherungen bezahlt werden, seien die Deckungen bei Hochwasserschäden nur sehr eingeschränkt. Und laut Schöffmann sei aktuell der überwiegende Teil der Schäden den Hochwassern zuzurechnen. "Wir haben hier eine Deckung von 10.000 bis 12.000 Euro pro Einfamilienhaus. Ein vollgelaufenes Haus, dort müssen Sie mit Schäden rechnen, die sich an der 100.000 Euro-Grenze befinden."

"Katastrophenfonds zahlt nur sehr eingeschränkt"

Die Differenz werde zum Teil aus dem Katastrophenfonds bezahlt - bewertet nach dem Zeitwert. Für einen 30 Jahre alten Fußboden werde deshalb so gut wie nichts mehr bezahlt, bemängelte Schöffmann. Eine Versicherung würde den Neuwert als Basis nehmen. Abgesehen davon dauere die Abwicklung über den Katastrophenfonds oft sehr lange. So seien etwa bis heute noch nicht alle Schäden des Hochwassers in Lavamünd im Jahr 2012 abgeschlossen.

"Es steht zu befürchten, dass sehr viele sehr viel weniger bekommen werden, als sie erwarten." In aller Regel klinge es sehr schön, wenn die Politik Hilfe zusage, für die Betroffenen entspreche das aber letzten Endes nicht den Tatsachen, wie die Vergangenheit gezeigt habe, sagte Schöffmann. "Der Katastrophenfonds zahlt nur sehr eingeschränkt." Eine obligatorische Pflichtversicherung, angebunden an die Feuerversicherung, würde im Jahr nicht mehr als 20 bis 50 Euro pro Haushalt kosten, erklärte der Versicherungschef. "Das würde jene massiv entlasten, die jetzt so schwer betroffen sind." Fertige Konzepte der Versicherungen dafür gebe es schon lange. "Seit mehr als zehn Jahren bemühen wir uns darum, eine solche Regelung zu bekommen. Die Konzepte liegen aber unbearbeitet in den zuständigen Ministerien."