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Chronik Österreich
01/11/2019

Schwund: Warum Jungärzte nach dem Studium ins Ausland gehen

Mehr Verantwortung und mehr Geld sind vielfach die Motive, weshalb in Österreich ausgebildete Ärzte abwandern.

von Christian Böhmer

Vier von zehn fertigen Medizinstudenten haben keine Lust, in Österreich Arzt zu sein oder Arzt zu werden.

Das behaupten Vertreter der Ärztekammer bisweilen – und beziehen sich zumeist auf den Umstand, dass sich im Schnitt nur 60 Prozent der fertigen Medizinstudenten ins Ärzteregister eintragen.

Nun ist diese Rechnung so sicher verkürzt. Nicht jeder, der nicht im Ärzteregister aufscheint, ist im Ausland – manche gehen in die Forschung, andere wollen einfach nicht als Arzt arbeiten.

Faktum aber bleibt, dass in Österreich ausgebildete Mediziner nach ihrer Grund-Ausbildung dennoch häufig ins Ausland abwandern.

„Und dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe“, sagt Frederic Tömböl.

Tömböl ist Obmann der Wiener Turnusärztekonferenz in der Kammer, kurzum: Er ist der Sprecher aller Ärzte in Ausbildung.

Was also sind die Gründe, Herr Tömböl? „Das eine ist ein Auslandssemester. Man verliebt sich in eine Stadt oder in einen Partner – und bleibt dann dort.“

Der zweite Grund – und hier wird es gesundheitspolitisch interessant – ist die Erwartung, „dass die Arbeitsumstände im Ausland deutlich besser sind“.

Als Beispiel bringt der Anästhesist die Sache mit den Blutkonserven. „In manchen Spitälern Österreichs bist Du als Jungarzt am Nachmittag dafür zuständig, Blutkonserven aus dem Lager zu holen. Das ist, gelinde gesagt, eine Verschwendung von Ressourcen, die man in England, der Schweiz oder auch Deutschland nicht toleriert.“

Hilfsdienste

Tömböl will nicht den Eindruck erwecken, junge Ärzte seien sich grundsätzlich zu gut für solche Hilfsdienste.

„Es geht aber darum, dass im Gegenzug sehr oft die Ausbildung der Jungärzte leidet. In Spitälern, in denen Jungärzte Blutkonserven organisieren, leidet bisweilen die Praxis, und sie müssen regelrecht darum kämpfen, bei Operationen dabei zusein oder etwas beigebracht zu bekommen.“

In England oder Deutschland sei die Ausbildung nach dem Medizinstudium weitaus strukturierter als hierzulande – und das sei für wissbegierige Jung-Mediziner eben oft attraktiver.

Hinzu kommt die Frage des Geldes. „In der Schweiz ist der Verdienst deutlich höher als in Österreich“, sagt Tömböl. „Dass man dafür auch deutlich mehr arbeiten muss, nehmen Kollegen im Gegenzug dann offenbar gerne in Kauf.“