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Chronik Österreich
10/19/2019

Rätselraten in Niederösterreich: Die Frau, die spurlos verschwand

Seit 1983 gibt es von einer Mostviertlerin kein Lebenszeichen mehr, die Umstände sind mysteriös

von Johannes Weichhart

Kurz bevor Anna S.* verschwand, soll sie sich noch ein hübsches Kleid ausgeliehen haben. „Sie wollte vor dem Richter einen guten Eindruck machen, schließlich ging es um ihr Kind“, erzählt ein Bekannter.

Doch als der Vorsitzende Anfang März 1983 die Verhandlung um das Sorgerecht ihres Buben eröffnete, blieb ein Stuhl leer. Anna S. kam nicht, sie tauchte auch in den Wochen danach nicht mehr auf. Monate und Jahre vergingen, doch die damals 24-Jährige aus dem Mostviertel blieb wie vom Erdboden verschluckt – bis zum heutigen Tag.

Vergangenen September machten sich Mordermittler des Landeskriminalamtes Niederösterreich auf die Suche nach S. Die Fahnder hatten zuvor einen Tipp bekommen. Der schreckliche Verdacht: Die Frau könnte längst tot sein, möglicherweise ermordet.

Tagelang durchsuchten die Beamten mehrere Grundstücke in der Region. Sie rückten mit einem Bodenradar aus, bohrten Löcher in Wände eines Hauses und ließen Leichenspürhunde schnüffeln. Ohne Erfolg. „Wir haben alles in unserer Macht Stehende versucht, gefunden haben wir aber nichts“, sagt ein Ermittler.

Beschwerde

Dass nach Anna S. überhaupt gesucht wurde, liegt an Stefan K., einem Verwandten der Vermissten. Er wandte sich an die Polizei, als der ehemalige Lebensgefährte von S. vor einigen Wochen ins Visier der Polizei geriet. Dem 64-Jährigen wird sexueller Missbrauch vorgeworfen, er befand sich kurzzeitig in Untersuchungshaft, mittlerweile ist er wieder auf freiem Fuß. Dagegen hat die Staatsanwaltschaft St. Pölten Beschwerde eingelegt.

Überprüfungen

„Ich bin zur Polizei gegangen und habe gesagt, dass sie sich doch auch das Rätsel um die Anna anschauen sollen. Sie ist damals nicht einfach so weggegangen“, betont Stefan K. Der 52-Jährige ist sich sicher, dass der Frau etwas Schreckliches zugestoßen sein muss und ihr Ex-Lebensgefährte etwas damit zu tun haben könnte. „Meine Frau und ich wollen endlich Gewissheit haben. Uns geht es sehr schlecht.“

Dass nicht schon in den 80er-Jahren intensiv nach der dunkelhaarigen Frau gesucht wurde, liegt daran, dass ihre „nachrichtenlose Abwesenheit“, wie es im Justizjargon heißt, kaum jemanden kümmerte. Ihre Eltern waren verstorben, Kontakt mit ihren Geschwistern hatte sie kaum.

Der Verdächtige streitet alles ab. Er soll angegeben haben, dass Anna S. zu ihrem Bruder nach Kanada ausgewandert sei. Doch eine Überprüfung der Kripo ergab, dass das nicht stimmen kann. „Die Ermittlungen sind schwierig. Einerseits können wir den genauen Zeitpunkt des Verschwindens nur auf einen ungefähren Zeitraum eingrenzen, andererseits sind aus dieser Zeit auch viele Akten einfach nicht mehr vorhanden“, sagt ein Fahnder.

Anwalt spricht

Bei der für den Fall zuständigen Staatsanwaltschaft betont man, dass das Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen sei, aber: „Der Mordverdacht hat sich bisher nicht erhärtet. Bezüglich der ihm vorgeworfenen Sexualstrafdelikte sind noch Einvernahmen ausständig“, so Sprecher Leopold Bien.

Der 64-Jährige hat unterdessen die Justizastalt St. Pölten wieder verlassen dürfen. „Mein Mandant weist die Vorwürfe zurück. Er hat auch mit dem Verschwinden der Frau nichts zu tun. Die Zeugen sind alle höchst unglaubwürdig“, betont sein Anwalt Leopold Luegmayer.

Kommt also nicht noch die entscheidende Wende, dann wird der Fall vermutlich zu den Akten wandern.

Vergangene Woche hätte Anna S. ihren 60. Geburtstag gefeiert.

*Die Namen wurden aus rechtlichen Gründen geändert.

Pro Jahr werden in Österreich mehr als 10.000 Vermisstenanzeigen erstattet – das entspricht rund 27 pro Tag. Alleine im vergangenen Jänner waren mehr als 1.000 Personen abgängig gemeldet – der Großteil davon war männlich, viele davon Kinder und Jugendliche. Oftmals sind Menschen betroffen, die aus Nicht-EU-Staaten stammen, betonen Experten.

„Fast drei Viertel der als vermisst gemeldeten Personen sind Minderjährige, die aus Betreuungseinrichtungen abhauen“, sagte Stefan Mayer, Leiter des Kompetenzzentrums für abgängige Personen (KAP) im Bundeskriminalamt im Vorjahr.

Die Abgängigen werden im Elektronischen Kriminalpolizeilichen Informationssystem (EKIS) gespeichert, nach ihnen wird Schengen-weit gefahndet. „Wir finden sie fast alle wieder, ungefähr zehn Fälle pro Jahr bleiben ungelöst“, erläuterte Mayer. Dabei handle es sich großteils um Unfälle, etwa am Berg oder in Flüssen und Seen, oder auch um Suizide. Demenzfälle resultieren jährlich in ungefähr 300 Anzeigen, sagte Mayer. Viele der Senioren sind dabei auch „schnell unterwegs, mit dem Zug oder mit einem Auto“.

Von den im Vorjahr als vermisst gemeldeten Personen wurden rund 100 tot aufgefunden – darunter waren viele Suizide und Unfälle.
Unter  116 000 wird kostenlos vertrauliche Hilfe für Jugendliche, die von zu Hause ausgerissen sind, und auch für deren Angehörige und Bezugspersonen geboten.

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