Chronik | Österreich
02.06.2017

Mit Kindern im Dschihad: Grazer Prozess im Finale

Buben erzählen von Bomben, Waffen, toten Menschen. Ihre Eltern hören regungslos zu.

"Das sind Kinderaussagen. Das stimmt nicht", wehrt der fünffache Familienvater entschieden ab. Zuvor hören die Geschworenen im Grazer Straflandesgericht, was die Kinder über das Leben in Syrien unter IS-Herrschaft erzählten. Bei einer Hinrichtung habe er zuschauen müssen, betont ein Bub. Da war acht Jahre alt.

Mittels Video werden die Aussagen von vier der acht Kindern der beiden angeklagten Ehepaare eingespielt. Sie sprechen über Waffen, über Bomben, über tote Menschen. 15 Monate lebten die damals zwei- bis elfjährigen Buben und Mädchen im Kriegsgebiet, unter anderem in der umkämpften Stadt Rakka. Ein Bub erzählt, dass sein Vater ein "Sniper-Gewehr" gehabt habe. Sein Vater ist jener gebürtige Bosnier, der mit seiner Frau und seinen fünf Kindern Ende 2014 aus der Steiermark nach Syrien ging.

"Eine Verwechslung"

Dem Mann wird wie den drei anderen Angeklagten Mitgliedschaft an einer terroristischen Vereinigung, aber zusätzlich noch Mordversuch vorgeworfen: Er soll in einer Kampfeinheit des IS tätig gewesen sein. Das stimme nicht, behauptet der 39-Jährige. Überhaupt habe er kein "Sniper-Gewehr" besessen. Der zweite angeklagte Vater meint gar, der Bub habe da etwas verwechselt: "Er hat ein Sniper-Spiel für seine Konsole gehabt."

"Gefühllos"

Nach fünf Prozesstagen geht der achte Grazer Dschihadisten-Prozess Freitag ins Finale. Die Mütter und Väter schauen sich die Aussagen ihrer Kinder regungslos an. Das fällt auch einem Richter auf: "Sie haben auf mich bei der Vorführung der Videos gefühllos gewirkt." Eine fünffache Mutter, geboren in der Steiermark, beeilt sich, dem Vorwurf zu widersprechen. "Ich war sehr wohl betroffen." Ihr Sohn war es, der die Enthauptungen beobachtet haben soll. Die Töchter durften nur verschleiert und mit Handschuhen ins Freie. Sogar die Kleinste, die Zweijährige. "Schön" habe sie sich Syrien vorgestellt, denn Politik interessiere sie nicht: Mit der Aussage fiel die Steirerin an einem der früheren Prozesstage auf. Als die Familie über die Türkei nach Syrien ging, regierte dort der IS und Syrer versuchten, vor dessen Terrorregime zu flüchten.

Der Prozess wird danach unter Ausschluss der Öffentlichkeit fortgesetzt, es geht um Zeugenschutz. Das Urteil der Geschworenen stand vorerst aus, es wurde für den späten Freitagabend erwartet.