Chronik | Österreich
01.07.2018

Mit Geduld zu tierischen Meisterwerken

Julian Rad fotografiert seltene Tiere in ihrem Lebensraum. Seine Bilder gehen um den Globus.

Ein Feld in Wien-Stammersdorf. Eine Ziesel-Familie streift durch das Gras. Ein Häufchen Kürbiskerne liegt auf dem Boden. Ab und zu kommt es zu einem Scharmützel: Jedes der Tiere beansprucht zumindest einen Kern für sich. Erst bei genauerem Betrachten fällt auf: Ein Mann liegt getarnt unter einem Netz. Er hat die Kerne auf die Wiese gelegt, um die Tiere anzulocken.

Julian Rad ist Wildtierfotograf. Am liebsten fotografiert er seltene Tiere wie Ziesel und Feldhamster, aber auch Vögel und Füchse. Mittlerweile erscheinen seine Fotos auf der ganzen Welt: Geo-Magazin, The Times, New York Post, Bild, Welt der Wunder. Sogar mit der BBC arbeitete der 27-Jährige zusammen. Dem war nicht immer so – erst seit zwei Jahren kann er von seiner Tätigkeit leben.

Alles selbst beigebracht

Der Autodidakt hat sich von der Pike auf alles selbst beigebracht: Seinen Anfang nahm die Erfolgsgeschichte in Kaisermühlen. Mit der Spiegelreflexkamera seiner Freundin wollte der Wiener die Schönheit der Sonnenuntergänge einfangen. Danach begann er, auch Tiere zu fotografieren. Doch er fotografiert nicht nur, er bearbeitet die Bilder und programmierte auch seine Internetseite selbst – er ist sozusagen ein kleines Foto-Büro, vereint in einer Person.

Manchmal liegt er eine Woche lang, fünf bis sechs Stunden täglich, unter einem Tarnnetz. Bemerken die Tiere ihn nicht, ist er auch für Spaziergänger sehr leicht zu übersehen – zuweilen verrichten Menschen gar ihre Notdurft in seiner Nähe. Doch das nimmt er in Kauf: „Tarnung ist ein absolutes Muss. Je unsichtbarer man ist, desto wohler fühlen sich die Tiere“, sagt Julian Rad.

 

Von 100 gemachten Fotos kann er zwei bis drei verwenden. Manchmal kommt es auch vor, dass er mit leerer Speicherkarte nach Hause kommt. Das empfinde er nicht als Niederlage: „Naturfotografie ist für mich mehr als das schlichte Ablichten einer Szene, es hat etwas Meditatives und zutiefst Beruhigendes.“

Manchmal zieht es Julian Rad in die Ferne, aber nur per Zug. Er fliegt nicht gerne, daher bleibt er lieber am Boden – aber auch im übertragenen Sinn hebt er nicht ab: „Mir geht es nicht um den Erfolg. Wenn jemand etwas Kreatives nur aus der Motivation heraus macht, Geld zu verdienen, geht das wohl eher schief.“ Wenn er per Zug verreist, dann beispielsweise nach Holland: Dort gibt es einen Park, in dem man besonders gut Füchse fotografieren kann.

Miley Cyrus als Fan

Er erhielt auch schon Preise: In England etwa wurde eines seiner Feldhamsterfotos beim den „Comedy Wildlife Photography Awards“ zum lustigsten Tierbild des Jahres 2015 gewählt – das Foto verbreitete sich viral im Internet. Selbst der amerikanische Popstar Miley Cyrus teilte es.

Und wie geht es weiter? Nächstes Jahr erscheint sein erstes Buch im Lübbe-Verlag. Und er möchte weitere seltene Tierarten fotografieren: etwa das nordamerikanische Streifenhörnchen.

www.radwildlife.com

Von: Benjamin Enajat