Chronik | Österreich
29.09.2018

Mathematik-Zentralmatura: „Spürbare Veränderungen 2019“

Bildungsexperte Kurt Scholz leitet die „Zuhör-Tour“, um die Zentralmatura-Ergebnisse zu verbessern.

KURIER: Jeder fünfte Schüler scheiterte schriftlich bei der Mathematik-Zentralmatura vergangenes Schuljahr (siehe unten). Warum haben Sie den Auftrag angenommen, ehrenamtlich die Mathematik-Maturaaufgaben zu optimieren?

Kurt Scholz: Unmittelbar nach der Zentralmatura hat mich Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP, Anm.) angerufen und gesagt, dass es Probleme gibt und ob ich helfen könnte. Dass 40.000 junge Menschen zur Zentralmatura gehen, die mehr oder weniger gut zwölf Jahre Schule absolviert haben, und dann mit ihren Familien vor negativen Ergebnisse zittern müssen, das kann einen menschlich nicht unberührt lassen.

In den vergangenen Wochen haben Sie Gespräche mit Direktoren von „statistisch auffälligen“ Schulen geführt. Was haben Sie herausgefunden?

Es sind Schulen, die in einem soziologisch unglaublich schwierigen Umfeld angesiedelt sind – also im Wesentlichen Oberstufenrealgymnasien mit Jugendlichen, die aus resignativen und bildungsfernen Milieus kommen. Die Schulen bemühen sich unter den schwierigsten Bedingungen. Da haben etwa Eltern andere Vorstellungen, was Arbeit für 17-und 18-Jährige bedeutet. Schule ist es nicht. Die Jugendlichen sollen kellnern und nebenbei in die Schule gehen. Und dann sollen sie die Zentralmatura in Mathematik schaffen.

In einer zweiten Phase haben Sie mit den Landeshauptleuten, den Landesräten für Bildungsfragen und den neuen Bildungsdirektoren gesprochen – was war hier Ihr Eindruck?

Alle waren unglaublich kooperativ und offen, was Verbesserungen betrifft. Ich hatte mir da viel mehr Kritik erwartet. Und Parteifarben spielten keine Rolle. Es gab aber auch viele Anregungen.

Am 2. Oktober startet die sogenannte „Zuhör-Tour“ durch die Bundesländer. Dabei sollen in Innsbruck, Graz, Linz, St. Pölten und Wien Gespräche mit Eltern, Schülern, Lehrern und der Schulaufsicht geführt werden. Welche Ergebnisse erwarten Sie?

Das Ministerium geht bewusst hinaus, dass die verantwortlichen Personen einmal vor Ort hören, wie die Situation eingeschätzt wird. In der ersten Phase sollen einmal pragmatische Ergebnisse angestrebt werden. Ich glaube, dass Eltern, Schüler und auch Lehrer ein Recht darauf haben, dass es ganz konkret im April 2019 spürbare, kleine Veränderungen gibt. Es ist nicht die große Reform, aber die erarbeiteten Ergebnisse sollen auch die Lernfähigkeit eines Systems unter Beweis stellen.

Was wird 2019 verändert?

Einer der Hauptpunkte, der bisher von allen gekommen ist: Bitte senkt nicht das Niveau der Mathematik-Matura, aber reformiert dringend die Verständlichkeit der Aufgabenstellungen. Durch die Bank wurde mir gesagt – auch von Direktoren, die Mathematiklehrer sind –, dass sie manche Beispiele zwei Mal lesen mussten, um sie zu verstehen. Da waren Formulierungen, die fast sprachliche Fallen dargestellt haben. Die sprachliche Überarbeitung der Beispiele wurde daher vom Ministerium bereits in Angriff genommen.

Betrifft das auch die Feldtestungen?

Die Beispiele werden vorher von Hunderten Jugendlichen durchgegangen. Wenn ein Beispiel von 80 Prozent nicht verstanden wird, dann soll dieses rausgenommen und durch fairere Fragestellungen ersetzt und nicht schikanös erst recht gegeben werden. Das ist auch etwas, was im April 2019 spürbar sein muss. Daher gehe ich davon aus, dass die Ergebnisse nächstes Jahr besser sein werden – ohne irgendwelche Eulenspiegeleien zu machen und Punkte runterzusetzen zum Beispiel.

Was steht mittelfristig alles zur Debatte?

Ich bin der Meinung, dass nicht mitten im Fluss der Vorbereitungen der nächsten Matura zu viel gewechselt werden sollte. Aber mittelfristig gibt es eine Fülle an Anregungen. Derzeit gibt es bei der Beurteilung zum Beispiel nur ein binäres Denken: richtig oder falsch. Wenn alles richtig gerechnet wurde, aber am Ende die Mengenangaben fehlen, zählt das Beispiel trotzdem null Punkte. Viele sagen, man soll dieses System ersetzen und zumindest zwei Punkte vergeben können.

Gibt es weitere Reformvorschläge?

Bis April 2020 wäre anzudenken, die strikte Trennung von Teil 1 und 2 der Mathematik-Matura durch eine Gesamtbeurteilung zu ersetzen. Derzeit ist es so, wenn der erste Teil nicht geschafft wird, ist der zweite mehr oder weniger uninteressant. Auch bei den Kompensationsprüfungen gibt es die massive Empfehlung, sie mehr wie einen Dialog zu gestalten und nicht den Kandidaten rechnen zu lassen, in absolutem Schweigen zu verharren und dann zu sagen, ob es richtig oder falsch ist.

Bis wann sollen diese mittelfristigen Veränderungen umgesetzt werden?

In einem Zeitraum von drei Jahren. Viele Menschen haben das Gefühl, die Politik kümmert sich zu wenig um sie. Die Eltern sollen nicht das Gefühl haben, da ist ein Problem und keiner tut etwas. Ich kann nicht alle Probleme lösen, aber ich bemühe mich.

Ist die „Zuhör-Tour“ auch ein interessantes Modell für andere Bereiche?

Wenn diese gut verläuft – und so schaut es aus – dann könnte man es auch bei anderen Reformen so angehen.

Zur Person Kurt Scholz

Kurt Scholz, geboren 1948, studierte Germanistik und Psychologie an der Universität Wien. Von 1975 bis 1984 war er im Bundesministerium für Unterricht und Kunst Abteilungsleiter für Zeitgeschichte, politische Bildung und schulische Mitbestimmung. Darauffolgend war er bis 1992 Koordinator der Stadtaußenpolitik Wiens und Bereichsleiter für Kulturfragen. Bis 2001 war er Präsident des Stadtschulrats für Wien. In den Jahren danach war er bis 2008 Sonderbeauftragter für Restitutions- und Zwangsarbeiterfragen. Derzeit ist er unter anderem ehrenamtlich Vorsitzender des Kuratoriums des Zukunftsfonds der Republik Österreich, sowie des Internationalen Forums Mauthausen. Außerdem ist er Mitglied der Klasnic-Opferschutzkommission.