Chronik | Österreich
10.04.2018

Brunnenschacht-Drama: "Der Bub war sehr tapfer"

Als er gerettet wurde, sagte Marcel: „Die Mama wird sauer sein, weil ich so spät heimkomme“.

Es ist ein Wunder und eine Tragödie zugleich: Ein fünfjähriger Bub aus Villach-Landskron und sein 56-jähriger Sozialbetreuer sind beim Spielen im Garten - wenige Meter von Wohnhaus des Kindes entfernt - in einen 17 Meter tiefen Brunnenschacht gestürzt. Der Mann war offenbar sofort tot, der Bub harrte mehr als zehn Stunden auf dessen leblosem Körper aus, ehe er gerettet wurde.

Der Schock sitzt den Bewohnern der kleinen Siedlung in Landskron noch in den Gliedern. Sie verstehen nicht, wie der Unfall passieren konnte und stellen zahlreiche Fragen:  Warum haben der kleine Marcel und sein Betreuer im dichten Gestrüpp gespielt, in dem sich ein Brunnen befindet? Ist der 20 Zentimeter dicke Betondeckel, der den Schacht gewöhnlich absicherte, geborsten oder wurde er wegbewegt? Warum hat die Mutter des kleinen Marcel nicht früher eine Vermisstenanzeige erstattet? Und warum haben weder Suchhunde, noch Wärmebildkameras die Verunglückten gefunden? Die Polizei konnte diese Fragen am Dienstag noch nicht beantworten.

Erwiesen ist folgendes: Seit Jänner 2018 besucht der Familienintensivbetreuer, selbst verheiratet und zweifacher Familienvater, den fünfjährigen Marcel. Er unternimmt Ausflüge, spielt mit dem Buben – mit Vorliebe im Garten des rund 1000 Quadratmeter großen Grundstücks in Landskron. So auch am Montag, als er um 12 Uhr seinen Dienst antrat; um 15 Uhr hätte er bereits den nächsten Termin gehabt. „Ich hab´den Betreuer noch zu Mittag mit dem Buben im Garten gesehen, dann nicht mehr. Kurze Zeit später hörte ich Hilferufe, aber die schienen weit entfernt“, erzählt der Nachbar, der wegen eines Autounfalls nicht mobil ist.

Jedenfalls vergingen neun Stunden, ehe Marcels Mutter – die 40-Jährige ist alleinerziehend und hat noch einen Sohn sowie eine Tochter im Teenageralter - eine Vermisstenanzeige erstattete. Der Pkw des Betreuers stand noch vor dem Haus, folglich suchte die Polizei mit Hunden und per Hubschrauber mit Wärmebildkameras primär den Garten ab – und fand nichts. Auch der Versuch, das Handy des Betreuers zu orten, misslang. Der oben erwähnte Zeuge erinnerte sich spätabends aufgrund des plötzlichen Tohuwabohus an die Hilferufe, alarmierte seinen Vater und einen weiteren Nachbarn, Leopold Hinteregger. „Ich habe früher in Marcels Haus gewohnt und erinnerte mich, dass nach dem Krieg ein Brunnen für die vier angrenzenden Parzellen errichtet wurde“, erzählt der 88-Jährige und führte die Helfer zu diesem, hinter dichten Sträuchern und Büschen verborgenen, Schacht. „Ich kenne den Brunnen, er war stets mit einem dicken Betondeckel abgesichert. Diesmal war er offen, ich hörte ein Wimmern“, sagt Hinteregger und setzte somit um 22 Uhr die Rettungskette in Gang.

Hauptfeuerwehrmann Thomas Prettner wurde in den einen Meter breiten Schacht hinabgelassen. „Es war eng, dunkel, roch streng. Dann erkannte ich den Buben, blonde Haare und blaue Augen. Er war ansprechbar, hat mit mir ganz normal kommuniziert, gemeint, dass ihm sehr kalt sei“, schildert Prettner. Er habe gesagt: „Die Mama wird sauer sein, weil ich so spät heimkomme.“ Prettner: „Ich habe mich als Feuerwehrmann vorgestellt und ihm gesagt, er könne mit mir ein wenig klettern. Außerdem erkannte ich eine weitere Person. ‚Der hört mich nicht mehr‘, hat Marcel zu mir gesagt.“ Die Rettungsaktion begann.

„Wir haben ständig mit einem Messgerät die Sauerstoffkonzentration am Grund des Brunnens kontrolliert, denn dort hätten Gase vorhanden sein können. Es bestand ein leichter Sauerstoffmangel – ein Wunder, dass der Bub das überlebt hat“, berichtet Harald Geissler, Einsatzleiter der Hauptfeuerwache Villach. Sein Kollege übergab den leicht verletzten Fünfjährigen an das Notarztteam. Gleichzeitig wurde klar, dass das Unglück einen Toten gefordert hatte. Der Sozialbetreuer lag tot am Schachtgrund. Sein Leichnam wurde von Bergrettern geborgen.

„Eine Obduktion wurde angeordnet. Weiters gilt es zu klären, ob und wie der Schacht gesichert war. Die Kriminalisten haben ihre Arbeit aufgenommen, wir ermitteln in alle Richtungen“, sagt Polizeisprecher Stephan Brozek.