Chronik | Österreich
22.10.2018

Gut gemixt: Barkeeping wird weiblicher

Der Bereich hinter der Bar war lange Männern vorbehalten. Nun mischen immer mehr Frauen mit.

„Oh, eine Frau kann das auch?“ Nicht nur ein Mal hat sich Barkeeperin Melinda Pohl diesen Satz anhören müssen, während sie den Shaker schüttelte oder einen Drink ins Glas goss. Denn einige Menschen sind offenbar auch im 21. Jahrhundert noch der Meinung, dass der Platz hinter der Bar Männern vorbehalten ist. Beeindrucken lässt sich Pohl von solchen Aussagen nicht.

Und dass sie ihre Arbeit auch richtig gut macht, stellte sie vor einigen Wochen bei der ersten Puchheimer Barkeeperinnen-Challenge unter Beweis, einem neuen Event, das die Frauen der Szene vor den Vorhang holen möchte. Dort konnte sich Pohl mit dem Drink „Lost In The Woods“, für den sie fünf Minuten für die Vorbereitung und sechs Minuten für die Live-Zubereitung hatte, den ersten Platz sichern.

Dabei ist die 26-jährige Wahlwienerin, die derzeit im Steaklokal „Beef & Glory“ (8., Florianigasse 35) arbeitet, in die Barszene nur „so hineingestolpert“. Während ihrer Zeit im Hotel Hilton am Stadtpark schnupperte sie in diversen Bereichen – und landete schlussendlich zufällig hinter der Bar.

Beobachtungen

Als die dortige Chefin just einige Zeit später das Hotel verließ, wurde sie für den Bereich verantwortlich – und entdeckte ihre Leidenschaft. Sie begann, in ihrer Freizeit für ihre Freundinnen und Freunde zu mixen, sah sich im Internet Lehr-Videos an und klapperte die Wiener Bars ab. Sie setzte sich stundenlang hin – und beobachtete die Barkeeper, die fast ausschließlich Männer waren. Zahlen zu den Barkeepern und Barkeeperinnen hat die Wirtschaftskammer nicht. Aber laut dem Wiener Gastro-Obmann Peter Dobcak sei es immer noch eine „fast reine Männerdomäne“. Schlimm findet das Pohl nicht. Irgendwie ist sie gerne „Henne im Korb“.

Ähnlich sieht das Sigrid Schot, die nicht nur Besitzerin der Hammond Bar (2., Taborstraße 33) ist, sondern vom Falstaff auch zur „Barfrau des Jahres 2017“ und zum „Rookie-Bartender 2014“ („Rookie“ bedeutet Neuling) gewählt wurde – sie war die erste Frau, die diese Rookie-Auszeichnung erhielt.

Leidenschaft

Wie viele Frauen, um sie herum sind, ist Schot nicht so wichtig– so lange sie machen kann, was sie am liebsten tut: Coole Drinks aus fabelhaften Zutaten zaubern.

Bei Bewerbungen zieht sie weder Männer noch Frauen vor. „Es geht ums Können.“ Ihre vierköpfige Mannschaft in der Hammond Bar ist, von ihr abgesehen, männlich. „Ich hätte gerne mehr Mädels. Aber alle, die ich bis jetzt eingestellt habe, waren nach zwei, drei Monaten wieder weg.“ 90 Prozent der Bewerber seien Männer.

Warum das so ist? Es liegt wohl an den Zeiten, meint Melinda Pohl. „Nachtarbeit war lange Zeit eher Männern zugedacht.“ Mit Kinderbetreuung wäre der Job ja auch heute nicht leicht vereinbar.

Dennoch zeichnet sich eine Änderung ab. Während der Diplomlehrgang für Barkeeper von mehr Männern besucht wird, wird der Zertifikatslehrgang BarkeeperInnen, der seit sieben Jahren in wirtschaftlichen höheren Schulen angeboten wird, mittlerweile von mehr Schülerinnen in Anspruch genommen.

Wem die späten Arbeitszeiten nicht zusagen, der oder die könnte ja auch in einem Restaurant arbeiten, meint Melinda Pohl, die das tut. Ihren Expertinnenstatus hätten ihre Kollegen übrigens von der ersten Minute anerkannt: „Sie sind auf Wein spezialisiert, ich bin die Cocktailexpertin. Wenn sie etwas zu Drinks wissen wollen, kommen sie zu mir. Und wenn ich Hilfe bei der Weinkarte benötige, frage ich sie um Rat. Es ist ein Geben und Nehmen. Das Geschlecht ist wurscht.“

Lizenz zum Ausschenken

Diplomlehrgang: Seit mehreren Jahrzehnten bietet das Wirtschaftsförderungsinstitut Wifi den Diplomlehrgang Barkeeper an. Der Andrang würde stetig steigen. Der Männeranteil ist laut Wifi-Pressestelle hier deutlich höher.

Jungbarkeeper/innen: Seit dem Schuljahr 2011/12 wird an höheren Schulen für wirtschaftliche Berufe der Zertifikatslehrgangs „Jungbarkeeper/in Österreich“ angeboten – mittlerweile  in 44 Schulen. Im vergangenen Schuljahr 2017/18 sind 691 Schülerinnen und Schüler zur Prüfung angetreten. Das Geschlecht wird statistisch nicht erhoben. Die Leiterin der Lehrgangs geht aber davon aus, dass der Anteil der Schülerinnen höher ist.