Wache halten am Fuß des Uhrturms

© La Strada Graz / Martin Hauer

Steiermark
01/25/2020

"Graz Vigil": Die Mahnwache im Holzrahmen

Kunstprojekt lädt 732 Bürger ein, jeden Tag jeweils eine Stunde auf ihre Stadt zu schauen.

von Elisabeth Holzer

Erste Reaktion: „Oje, meine Höhenangst“, notierte Cornelia nach ihrer Wache. Zweite Reaktion: „Solch schöner Blick auf Graz! Der Sonnenuntergang, schön.“

Es ist ein besonderes Plätzchen, das sich Werner Schrempf und das Team von „La Strada“ für ihr Projekt ausgesucht haben: Den Herbersteingarten auf dem Grazer Schlossberg, am Fuße des Uhrturms. Historisch bedeutend wie höchster Aussichtspunkt der Altstadt gleichermaßen: Dort wurde der „Shelter“ aufgebaut, ein Holzverschlag, in dem Freiwillige über die Stadt wachen, jeweils zu Sonnenauf- und -untergang, jeder eine Stunde lang.

„Uns interessiert eine ganz breite Mischung an Leuten, die mitmachen“, betont Schrempf. „Das ist total inspirierend.“ „The Vigil“, Mahnwache auf Deutsch, kostet rund 100.000 Euro, wurde von der australischen Choreografin Joanne Leigthon nach Graz gebracht, von „La Strada“ umgesetzt und vom Rathaus in das Programm des Kulturjahres aufgenommen.

Gesammelte Eindrücke

„Es geht um ein Projekt, in dem die Menschen ihre Stadt reflektieren können“, beschreibt Schrempf. „Welche Position hat man zu seiner Stadt? Wie will man Beteiligung zeigen?“ Was die Teilnehmer ihrer Wachestunde aufschreiben, soll im kommenden Jahr gesammelt präsentiert werden. „Die Menschen, die hier mitmachen, haben ja etwas zu sagen. 732 Menschen sind schon eine relevante Größe.“

732, so viele werden es bis Jahresende sein, so viele Wachestunden hat 2020. Zum Ausklang werden alle Wächter eingeladen, gemeinsam auf den Schlossberg zu gehen, so soll eine bleibende Gemeinschaft aus einer flüchtigen Stunde entstehen. Rund 600 Termine sind bereits vergeben, Wächter tragen ihre Wunschstunde einfach in einem Online-Kalender ein.

Begleiter führen die Wächter zum „Shelter“, verwahren Handys sowie Uhren. Die Loslösung von der Zeitnehmung ist wichtig für „The Vigil“, wenn auch nicht völlig umsetzbar, der Blick auf die Turmuhr steht jedem frei. Nach einer Stunde holen die Begleiter die Wächter ab. Eine Stunde, die für jeden anders vergeht, nicht nur wegen des individuellen Zeitempfindens, sondern auch des Jahreskreislaufs: Nie finden Sonnenauf- und Untergang zur gleichen Zeit statt, jedem präsentiert sich ein anderes Bild.

 

Lisa Lackner und Klaus Ertl waren die Wächter des 18. Jänner. „Ich frage mich, ob die Stadt bemerkt, dass hier täglich Menschen stehen?“, fragte sich Lackner danach. Ertl war begeistert, einer der Wächter sein zu dürfen. „Schöne Dächer, junges Leben“, notierte er in das Teilnehmerbuch. Der „Shelter“ wird zu Jahresende abgebaut und recycelt. „Er soll sich auflösen und nur in der Erinnerung der Menschen bleiben“, begründet Werner Schrempf.

 

KURIER-Selbstversuch: Eine Stunde im "Shelter"

Die Holzschachtel misst 13 Schritte. Vorne ist die Scheibe mit Blick auf die Stadt, hinten jene zum Uhrturm.
Da stehe ich also, zuweilen angelehnt. Natalie, meine Begleiterin, hat punkt 15.43 Uhr die Tür zum Shelter aus Lärchenholz geschlossen, Handy und Uhr (meine Pulsuhr, die ich nicht einmal beim Schlafen ablege!) mussten aber draußen bleiben. Allerdings bin ich nicht zum Nicht-Wissen der Uhrzeit gemacht.

Ich höre Kirchenglocken und weiß: 16 Uhr. Ich kann nicht anders, ich versuche, die aktuelle   Uhrzeit doch noch in den  Griff zu kriegen. (Ich schummle nicht und schaue nicht auf den Uhrturm. Das wäre wirklich zu billig.) Ich zähle Sekunden. Irgendwo um  100 gebe ich auf.
Ich bin absolut schwindelfrei und stehe so weit wie möglich an der vorderen Glasscheibe.   Die Bausünden dieser Stadt  fallen mir  mehr auf als sonst.  Erstaunlich, wie laut diese Stadt ist. Also nicht der Verkehrslärm, der hält sich  in Grenzen. Aber ich höre Vögel und irgendeine Kirchenglocke läutet immer. Zeitgleich läuten die Glocken aber nie.

 

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