Graz: Paranoider Student europaweit gesucht
Eng werden dürfte es für jenen deutschen Studenten, der in Graz an der Med-Uni mit verschiedenen Bedrohungsszenarien für Aufregung sorgte: Ein europäischer Haftbefehl wurde erlassen. Man wähnte den 26-Jährigen zuletzt bei seinen Eltern in Bayern.
Drei Vorfälle sind seit März 2011 aktenkundig. Einem Klinikprofessor soll der Medizinstudent eine blutige Lippe geschlagen haben. In der Mitarbeiterkantine des LKH Graz soll er so verhaltensauffällig geworden sein, dass die Cobra anrücken musste – Zwangseinweisung in die Sigmund-Freud-Klinik. Dort soll er einem Pfleger ein blaues Auge verpasst haben. Psychiatrische Erstdiagnose: Paranoid-schizoide Persönlichkeitsstörung.
Erst in den vergangenen Tagen reagierte Rektor Josef Smolle nach dem Auftauchen von Drohmails, in denen unter anderem ein Amoklauf angedeutet worden sein soll. Er schaltete die Polizei ein. Darauf stützt sich nun der Haftbefehl. Zudem ist der Student als Sportschütze bekannt, was Waffenbesitz vermuten ließ.
Verfahren eingestellt
Der Klinikprofessor jedenfalls hatte 2011 eine Anzeige wegen Körperverletzung erstattet. Die Staatsanwaltschaft Graz stellte die Ermittlungen ein, gibt dazu aber keine E¬rklärung ab, ehe der Gesuchte verhaftet ist. „Wir wollen jetzt nicht Öl ins Feuer gießen“, sagt Behörden-sprecher Hansjörg Bacher.
Der KURIER wollte auch den Professor zur Verfahrenseinstellung befragen, er verwies aber auf einen Maulkorberlass des Med-Uni-Chefs – obwohl er, nicht der Rektor Gewaltopfer wurde.
Klinik
Insgesamt zehn Wochen war der Medizinstudent stationär in der Sigmund-Freud-Klinik. „Es gibt strenge Regeln nach dem Unterbringungsgesetz, man kann Menschen ohne ein vorliegendes Strafdelikt nicht festhalten“, sagt Klinikchef Michael Lehofer. Wenn der Verdacht der Fremd- oder Selbstgefährdung wegfalle, gebe es keine Handhabe mehr.
Ein Mitstudent, der den Deutschen gut kennt, teilt die allgemeine Beschreibung über dessen Gefährlichkeitspotenzial nicht. Er sei zwar ab und zu angeeckt, sagt der Student im Gespräch mit dem KURIER. „Aber in letzter Zeit hat er eher zurückgezogen gelebt.“
Todesliste
Dem KURIER liegt ein eMail vor, worin der Deutsche diesem Studienfreund im März 2012 seine Sicht der Geschehnisse darlegt. Er habe auf Facebook gepostet, „dass mich der ÖCV (Cartellverband, Anm.) auf eine schwarze Liste gesetzt hat (...), weil ich mit der Kirche und dem Christentum nicht mehr einverstanden war.“ Es sei dann das Gerücht umgegangen, „dass ich eine schwarze Liste führe und meinen Kurs auslöschen will“. Einen religiösen Wahn habe man ihm angedichtet, klagt der Verdächtige. Er behaupte, die Med-Uni sei von der Katholischen Kirche unterwandert. Sogar Opus Dei solle er ins ins Gespräch gebracht haben.
Der Student akzeptierte die Diagnose nicht, hatte das Gefühl, man wolle ihn fertig machen. „Ich habe gehört, das ganze Semester würde über mich sprechen und mein ganzes Umfeld würde sich von mir bedroht fühlen.“ Die Zeit in der Psychiatrie sei schrecklich gewesen: Er habe an Selbstmord gedacht. „Mein Kollege wollte klagen, hatte aber kein Geld für einen Anwalt“, sagt sein Freund.
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