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Chronik Österreich
09/28/2012

Giftkrimi: Dritter Fall steht vor Klärung

Vom KURIER aufgerüttelt, schlagen die Hinterbliebenen einer Frau Alarm, die 2006 unter Bogumila W.s Pflege starb.

Im Giftkrimi um die polnische Pflegerin Bogumila W., die zwei Pensionisten mit Arsen ermordet haben soll, könnte eine dritte Exhumierung bevorstehen. Es geht um die Leiche einer von Bogumila W. (zu Tode?) gepflegten Frau aus Niederösterreich.

Die alte Dame aus Maria Enzersdorf war 2006 unter den Händen der 51-jährigen Polin körperlich sehr rasch verfallen und mit blutigem Durchfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Man schrieb das zunächst ihrer Diabetes zu, doch blutiger Durchfall gehört auch zu den Symptomen einer Arsen-Vergiftung. Frau M. starb bald darauf, die Behörden interessierten sich für den Todesfall nicht.

Gespräche mit Angehörigen

"Man überprüft die Zeugen", verlautete Behördensprecher Franz Hütter. Offenbar wurden die Verwandten der Frau bisher nicht eingehend zum Ableben der 88-Jährigen befragt, da für die Staatsanwaltschaft der Umstand, dass Bogumila W. in vermögensrechtlicher Hinsicht vom Kontakt mit der 88-Jährigen nicht profitiert haben dürfte, ein verbrecherisches Handeln der 51 Jahre alten Polin ausschloss.

"Es hat in diesem Fall im Unterschied zu den Männern, wo es vermögensrechtliche Handlungen gegeben hat (Bogumila W. soll sich Besitztümer der Pensionisten angeeignet haben, Anm.) keine Motivlage gegeben", erklärte Hütter. Und weiter: "Sie können nicht bei jedem, zu dem die Frau Kontakt gehabt hat, davon ausgehen, dass sie einen Mord gemacht hat."

Dessen ungeachtet wurden am Freitag die Hinterbliebenen der verstorbenen alten Frau von der Polizei befragt. Und plötzlich interessiert sich die Anklagebehörde auch für die Krankengeschichte der 88-Jährigen, der man bisher scheinbar wenig Beachtung geschenkt hat. Ein Gerichtsmediziner hat jetzt den Auftrag bekommen, den Krankenakt zu studieren und zu prüfen, ob der Tod der 88-Jährigen zweifelsfrei ein natürlicher war. Sollte es Indizien geben, die dagegen sprechen, ist von einer Exhumierung auszugehen: Spuren von Arsen ließen sich nach wissenschaftlicher Erfahrung auch noch sechs Jahre nach der Beerdigung in den sterblichen Überresten der Frau nachweisen.

U-Haft 

Auch für Herbert Ableidinger, 68, und Alois F., 62, interessierten sich die Behörden anfangs nicht wirklich. Nachdem sie der Pflegerin und Köchin, die bei ihnen wohnte, ihr Vermögen überschrieben hatten, waren sie 2010 bzw. 2011 rasch dahingeschieden. Erst als sich Ableidingers Tochter an Peter Resetarits vom ORF und an den KURIER wandte, wurde die Staatsanwaltschaft Krems unter dem medialen Druck aktiv. Die Leichen der Männer wurden exhumiert, Professor Reiter konnte im März dieses Jahres hohe Arsen-Dosen nachweisen, seither sitzt Bogumila W. in U-Haft und leugnet.

Als der KURIER vergangene Woche darüber berichtete, dass die Verdächtige zu dem dritten ungeklärten Todesfall noch nicht einmal  befragt worden ist, machte der Neffe der 2006 verstorbenen Frau M. bei der Staatsanwaltschaft Druck.

Auch nach so langer Zeit ist laut dem Gerichtsmediziner eine toxikologische Analyse noch möglich. Professor Reiter hat vor rund 20 Jahren aus einem bemerkenswerten Todesfall gelernt: Eine Frau wollte ihren  Schwiegervater loswerden und mischte ihm Rattengift ins Essen. Ihrem Ehemann war das ganz recht, er wollte rasch die Firma seines Vaters erben. Der alte Mann wurde durch das Gift gelähmt, schließlich erstickte ihn die Schwiegertochter mit einem Kopfpolster. 15 Jahre später ließen sich die bis dahin unbehelligt gebliebene Mörderin und ihr Mann scheiden. Vor Gericht sagte der Mann zu seiner Noch-Ehefrau: "Und du sei ganz ruhig, du hast meinen Vater auf dem Gewissen!" Die Justiz recherchierte, die Leiche wurde exhumiert, Reiter konnte in den Fingernägeln des Toten das Rattengift nachweisen.

Diese Methode wandten er und sein Team auch  bei Herbert Ableidinger und Alois F. an. Mit Erfolg. Die Nägel werden – laienhaft ausgedrückt – in rund 50 Querrinnen geschnitten und einzeln analysiert, so kann festgestellt werden, wann der Person vor ihrem Tod Gift in welchen Mengen verabreicht worden war.

Bleibt die Frage, woher Bogumila W. das Arsen bezogen haben soll. Man kann es nicht so einfach kaufen, auch in Polen nicht. Aber es ist mithilfe eines einfachen Chemiebaukastens möglich, das Gift aus Mineralien zu filtern, die man auf diversen Messen von Sammlern erstehen kann.

Besuche

Dem erwachsenen Sohn von Bogumila W. (beide werden von Timo Gerersdorfer verteidigt), der in Polen lebt, wäre das eventuell zuzutrauen. Bisher wird gegen ihn nur wegen des Verdachts ermittelt, das Vermögen der von seiner Mutter gepflegten Männer beiseite geschafft zu haben. Er  war mehrmals nach Österreich zu Besuch gekommen, hatte bei den Männern und seiner Mutter gewohnt und mit ihnen gegessen, wurde zu den Todesfällen aber bisher nicht einvernommen.

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