Chronik | Österreich
15.05.2018

Gerichtspsychiaterin: Motivlose Tötungsdelikte gibt es

Gerichtspsychiaterin Kastner: Eher Verständnisproblem der Öffentlichkeit, nicht "kulturspezifisch". Psychologe Binder-Krieglstein: "Seriöses derzeit schwer zu sagen".

Tötungsdelikte, die scheinbar ohne klares Motiv begangen werden, gibt es. Sie sind selten, aber nicht extrem selten und schon gar nicht kulturspezifisch. Die öffentliche Wahrnehmung für solche Taten besteht zu einem Gutteil aus einem Verständnisproblem für das Unerklärbare, sagte am Dienstag die Linzer Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner.

"Unser Narrativ für ein Tötungsdelikt besteht typischerweise darin, dass zwei Menschen mit einander in Streit geraten. Der Streit wird heftiger. Schließlich schlägt jemand zu, ein Opfer stirbt. Damit können wir umgehen. Da könnte man auch bei rechtzeitigem Eingreifen auch etwas verhindern, meint man", sagte Kastner. Viel schwieriger sei es für den Menschen, mit einem Tötungsdelikt ohne schnell feststellbares Motiv umzugehen.

Beispiel "School Shootings": "Wut auf die Welt"

"Aber solche Delikte gibt es eben", sagte die Expertin. Wenn man an die "School Shootings" denke, würden die Täter immer wieder angeben, sie hätten aus einer "Wut auf die Welt" gehandelt. "Unspezifische Gekränktheit", werde von Tätern nach Tötungsdelikten immer wieder als Hintergrund genannt. Die Opfer befänden sich sprichwörtlich zur falschen Zeit am falschen Ort. Auch bei vielen Sexualdelikten sei das der Fall. Opfer und Täter begegnen dann einander zufällig.

Zunächst nicht Erklärbares sei auch nicht zwingend ein Anzeichen von "Krankheit", betonte Adelheid Kastner. "Es gibt aber auch Tötungsdelikte aus einer Erkrankung heraus", betonte die Gerichtspsychiaterin. Die Möglichkeit, dass Menschen plötzlich ein Tötungsdelikt begehen, ist ein Merkmal des Menschseins selbst. "Das ist auch nicht kulturspezifisch", sagte Adelheid Kastner.

"Umstände sprechen eher für eine psychische Erkrankung"

Laut dem Psychologen Cornel Binder-Krieglstein könne es mehrere Gründe für die Senkung der Aggressionsschwelle geben, bevor eine derartige Bluttat ohne Vorwarnung ausgelöst wird.

Zum einen sei es möglich, dass eine emotionale Ausnahmesituation zu einer Straftat im Affekt führt, sagte der Experte am Dienstagnachmittag im Gespräch mit der APA. Der Täter könne in Rage geraten oder das Gefühl haben, gefährdet zu sein und sich in einer Notwehrlage zu sehen. Eine zweite Möglichkeit besteht, wenn eine psychische Erkrankung vorliegt. "Das könnten z.B. wahnhafte Störungen sein, bei denen der Betroffene Stimmen hört, die ihm Handlungen befehlen", erklärte Binder-Krieglstein.

"Seriöses dazu kann man aber derzeit nicht sagen. Die Umstände sprechen eher für eine psychische Erkrankung. Nachdem der Jugendliche von der Polizei als besonders gefühlskalt beschrieben wurde, könnte es bei ihm zu einer sogenannten Abspaltung gekommen sein. Dadurch gibt es keine emotionale Beteiligung. Das wäre eine mögliche Erklärung, wie so etwas entstehen könnte", so der Psychologe. Bei Verfolgungswahn könnte der Täter in dem Mädchen etwa eine Bedrohung gesehen haben. "Dann wäre es auch vorstellbar, dass die Tat geplant gewesen war. Aber wir wissen es nicht - das spielt sich dann alles nur in der Welt des Täters ab."