© Margret Wenzel-Jelinek

Chronik Österreich
06/16/2019

Fotografin Wenzel-Jelinek: "Ich war bei 57 Wahlkämpfen dabei"

Die Wiener Fotografin hat die Politprominenz der Zweiten Republik abgelichtet. Hier erzählt sie, wie schwierig es manchmal war, ihre „Opfer“ ins rechte Licht zu rücken.

von Georg Markus

Sie hat sie alle gekannt. Die Politiker der Zweiten Republik. Margret Wenzel-Jelinek hat nicht weniger als 57 Wahlkämpfe aus nächster Nähe miterlebt. Nationalrats- und Präsidentschaftswahlen, Landtags-, und Gemeinderatswahlen. Kreisky stand ebenso vor ihrer Kamera wie Waldheim, Schüssel oder Haider. „Wir haben die meisten Wahlen gewonnen“, spricht sie für sich und diejenigen Politiker, die sie ins rechte Licht rückte.

Allein von Bruno Kreisky hat die heute 86-jährige Margret Wenzel-Jelinek Tausende Fotos gemacht. „Er war das perfekte Fotoobjekt, mit seiner Menschlichkeit und all seinen Schwächen. An ihn ist man ganz nah herangekommen, er hat zum Fotografen keine Wand aufgebaut wie es heutige Politiker oft tun.“

Für die gegnerischen Parteien

Margret Wenzel-Jelinek hat jahrzehntelang Plakate, Inserate und Flugblätter für Wahlkämpfe fotografiert, „es war immer ein Gesamtkonzept“. Was kaum vorstellbar ist: Sie fotografierte gleichzeitig im Auftrag der jeweils gegnerischen Parteien. Kreisky und seine Gegenspieler Karl Schleinzer, Josef Taus und Alois Mock. Aber auch Franz Vranitzky und Jörg Haider. „Die haben das alle gewusst, und sie haben es akzeptiert. Die Ideologie hat mich weniger interessiert, immer nur der Mensch.“

Nie bezahlt: das Urheberrecht für das offizielle Foto von Kurt Waldheim

Landeshauptmann Jörg Haider, fotografiert von Margret Wenzel-Jelinek

Mit Mascherl: Auch ÖVP-Kanzler Schüssel stand vor ihrer Kamera

„An ihn ist man ganz nah herangekommen, er hat zum Fotografen keine Wand aufgebaut, wie es heutige Politiker oft tun“: Lieblingsmotiv Bruno Kreisky

Gleichzeitig Kreisky und Gegenspieler Mock fotografiert. „Die haben das gewusst, und  sie haben es akzeptiert“: der ÖVP-Kanzlerkandidat, 1983

Weit weniger Frauen: Heide Schmidt, Bundespräsidentschaftswahlen, 1992

Der spätere Landeshauptmann Erwin Pröll als junger Landesrat

„Die Wahl verloren, aber seine Bilder zählen zu meinen besten“: Steyrer

Plakat entstand unter ungünstigen Wetterbedingungen: Josef Taus, 1979

Wenzel-Jelinek fotografierte auch Englands „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher

Die Fotos des ÖVP-Kanzlerkandidaten Karl Schleinzer haben einen tragischen Hintergrund. „Es war nicht leicht, ihn zu fotografieren, er war sehr zurückhaltend, aber die Bilder sind dennoch gut geworden.“ Die ersten Plakatsujets hingen bereits in ganz Österreich, als Schleinzer wenige Wochen nach den Fotoaufnahmen, am 19. Juli 1975, bei einem Autounfall ums Leben kam.

Der nächste Kanzlerkandidat der Volkspartei war Josef Taus. „Sein Plakatfoto für die Nationalratswahlen 1979 kam unter extrem schwierigen Bedingungen zustande. Es hat geschüttet, und es war eiskalt, jemand schützte ihn mit einem Regenschirm, und er war in eine dicke Decke gehüllt. So kann kein gutes Bild entstehen, und es war auch schlecht.“ Margret Wenzel-Jelinek hatte bessere Bilder von ihm, „doch der ÖVP-Werbeleiter entschied sich für das schlechte.“ Dementsprechend war das Wahlergebnis.

„Plakate waren früher viel wichtiger als heute“, sagt die Fotografin. „Damals hat ein Plakat bis zu fünf Prozent der Menschen für eine Partei bewogen. Und diese fünf Prozent konnten wahlentscheidend sein.“

Thatcher und Kohl

Die Qualität von Wenzel-Jelineks einfühlsamen Porträts sprach sich auch außerhalb Österreichs herum, und so wurde sie einmal von Margaret Thatcher engagiert, als diese auf Schloss Kleßheim eine Pressekonferenz gab. Und Helmut Kohl holte sie nach Bonn. „Immerhin hatten sich sechs Fotografenteams aus Deutschland und Frankreich darum beworben, Kohl für die Bundestagswahl 1983 zu fotografieren, er selbst suchte mich aus. Ich glaube, es hat ihm imponiert, dass ich bei den Probefotos im Kanzleramt meine Schuhe ausgezogen hab und aufs Sofa gestiegen bin, um den besten Blick auf ihn zu haben.“

Margret Wenzel-Jelinek hat in jungen Jahren als Pressefotografin zunächst für den KURIER gearbeitet, ehe sie sich der Politik zuwandte. Bei ihrem Ehrgeiz, den künftigen Wahlsieger abzulichten, hat sie sich bei der Bundespräsidentenwahl 1986 geirrt. „Ich hab mit dem Waldheim einen Tag lang Probefotos gemacht, es dann aber abgelehnt, die Plakate zu fotografieren. Ich konnte mit ihm nicht viel anfangen, er war schwierig zu motivieren, stattdessen hab ich seinen Gegenspieler Kurt Steyrer gemacht, seine Fotos zählen zu meinen besten.“

Doch mit ihm war sie auf der Verliererseite, die Wahl hat bekanntlich Waldheim gewonnen. „Am Tag nach der Wahl hat mich Waldheim angerufen und zu mir gesagt: ,Wenzerl, aber das offizielle Bild des Bundespräsidenten machen Sie für mich.’“

Da konnte sie nicht nein sagen. „Das Foto ist sehr gut geworden“, aber Freude hat Margret Wenzel-Jelinek keine damit gehabt. „Das Porträt hing in allen Amtsräumen und Klassenzimmern, insgesamt wurde es 980.000 Mal gedruckt, aber die Republik hat mir das Urheberrecht nie abgegolten“. Es folgte ein zehn Jahre dauernder Prozess gegen die Staatsdruckerei, den die Fotografin in erster Instanz gewonnen, in zweiter Instanz jedoch wegen Verjährung verloren hat.

Aufnahmen nicht verwendet

Mit Bundespräsidenten hatte Margret Wenzel-Jelinek von Anfang an weniger Glück. „Der Wahlkampf für Franz Jonas im Jahr 1965 war mein erster Auftrag. Ich war jung und hatte noch keine Ahnung, der Altersunterschied zwischen uns war zu groß. Heute weiß ich, dass man einen jungen Fotografen nicht auf ältere Menschen loslassen darf. Jonas war auf meinen Bildern so alt wie er gar nicht war. Die SPÖ hat die Aufnahmen dann zurecht nicht verwendet.“

Heiße und kalte Umschläge

Bei Kreisky war das ganz anders, da hat’s auf Anhieb gefunkt. „Heute sind die Politiker gestylt, bei mir wurde weder geschminkt noch retuschiert. Mein Geheimnis war: Die Herren bekamen vor dem Fotografieren zuerst heiße und dann eiskalte Umschläge. So hatten sie eine natürliche Farbe im Gesicht und sahen um zehn Jahre jünger aus.“

In ihrem Wahlverhalten ließ sich Margret Wenzel-Jelinek nicht durch ihre Lieblingsmotive beeinflussen. „Kreisky hat einmal während der Arbeit zu mir gesagt: ,Ich weiß eh, dass Sie mich nicht wählen. Fotografieren Sie mich anständig, dann brauch ich Ihre Stimme nicht.’“

Und – haben Sie ihn gewählt?

„Erst 1983, als er das letzte Mal antrat“, sagt sie. „Da war ich von ihm überzeugt, vorher nicht. Ich bin eine typische Wechselwählerin.“

Keine Grünen fotografiert

Haider hingegen hat ihr als junger Politiker gefallen, später stand sie ihm kritischer gegenüber. Grüne Politiker hat sie nie fotografiert, „die waren mir zu unruhig, Schönheit und Harmonie sind mir wichtig. Dabei bin ich eigentlich selbst eine Grüne.“ Dass sie mehr Männer als Frauen fotografiert hat, liegt wohl an der wesentlich geringen Anzahl von Frauen in der Politik.

Margret Wenzel-Jelinek hat nie aufgehört zu fotografieren. Sie brachte Bildbände über Mode, große Dirigenten, Sänger und Landschaften heraus und vor zwei Jahren das Buch „Kreisky und kein Nachfolger“, in dem ihre wichtigsten Fotos der Kanzlerlegende abgedruckt sind.

Ganz lässt sie die Politik noch immer nicht los. Mit ihren 86 Jahren geht sie immer noch auf Pressekonferenzen und zu Ministerratssitzungen, „vielleicht mach ich noch ein Buch, das mein Lebenswerk zeigt, da sollen dann auch die aktuellen Politiker dabei sein.“

Ungeschminkt und nicht gestylt.

Kurzbiographie: Margarete Wenzel-Jelinek

Margret Wenzel-Jelinek, 1932 in Bozen geboren, wuchs in Nordtirol auf. Sie studierte Fotografie an der Kunstakademie Zürich und an der Höheren Grafischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Meisterprüfung für Fotografie. Pressefotografin, ab 1965 zahlreiche Politikerporträts, auch Modefotografie, mehrere Buchpublikationen.

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