Chronik | Österreich
10.06.2018

Elga: Ordinationen sind an der Reihe

Digitale Gesundheitsakte: Spezialist Martin Tiani verrät, wie Implementierung vorangeht und erklärt nächsten Schritte.

„Ich würde sagen, dass wir ein gutes Stück vorangekommen sind. Es freut mich, dass sämtliche Krankenhäuser nun vernetzt sind.“ Martin Tiani, der an der Entwicklung zentraler Komponenten des Softwaresystems für Elga (elektronische Gesundheitsakte, Anm.) maßgeblich beteiligt war, zieht beim KURIER-Gespräch eine positive Zwischenbilanz. Im nächsten Schritt sollen Ordinationen folgen. Der Fahrplan sieht vor, dass Österreich bis spätestens 2020 komplett vernetzt ist – Tiani sieht diese Deadline als realistisch. Es gibt auch Überlegungen, die Vernetzung auf Pflegeheime auszuweiten.

Datensicherheit

Unsicherheit herrscht nach wie vor beim Thema Sicherheit. Oft wird darüber spekuliert, wo das Datenvolumen gespeichert wird. Einen einzigen Ort bzw. eine Festplatte gibt es nicht, die Daten sind auf ganz Österreich verteilt. Im Bundesrechenzentrum werden lediglich Berechtigungen und Protokollierungen geprüft.

Dass alle Ärzte auf die Daten jederzeit zugreifen dürfen ist ein weiterer Irrglaube, den der Experte entkräftet. „Erst mit einem Behandlungsverhältnis, also dann, wenn die eCard in einer Ordination oder im Spital aktiviert wird, erhält jener Mediziner, der den Patienten tatsächlich behandelt, den Zugriff auf die Elga-Daten.“ Der Zugriff werde standardmäßig auf 28 Tage limitiert, auf Wunsch könne dies auch auf bis zu 365 Tage erweitert werden. Zudem werde es auch ein Protokollierungssystem geben. Jeder Patient kann in seinem Patientenportal nachsehen, welcher Arzt zu welchem Zeitpunkt auf seine Daten zugegriffen hat.

Derzeit besonders heiß diskutiert wird der Zugriff der Forschung auf die Daten. Tiani: „Ohne dezidierter Zustimmung des Patienten werden keine Daten weitergegeben. Eigene Recruiting-Center arbeiten mit Pharmazentren zurzeit an einer Lösung.“ Die geplante Zusammenlegung der Krankenkasse wird auf Elga keine Auswirkung haben. Tiani könnte sich vorstellen, dass Smartphones, ähnlich wie bei der Bürgerkarte, einige Funktionen übernehmen werden. Den internationalen Datenaustausch im Hinblick auf Impfpass oder dauerhafte Medikation begrüßt der Software-Spezialist. „Wenn chronisch kranke Patienten ihre Medikamente im Urlaub vergessen haben, können sie zum Beispiel in Italien in die Apotheke gehen und dort ein Präparat mit demselben Wirkstoff bekommen. Zeitgleich würde darüber eine Meldung an Österreich ergehen“, sagt Tiani. Zurzeit befindet sich dieser Teilbereich in der Pilotierung. „Aus diesem Grund habe ich die Initiative grapevine World gegründet, damit diese Ansätze tatsächlich in den Echtbetrieb kommen.“

Spitzenfeld

Im europäischen Vergleich liegt Österreich bei der digitalen Gesundheitsakte im Spitzenfeld. Deutschland habe etwa versucht, ein ähnliches System aufzubauen, bisher jedoch nur mit mäßigem Erfolg. „Österreich hat sehr früh auf die Vernetzung standardisierter Daten und somit auch langfristig auf das richtige Pferd gesetzt hat“, sagt Tiani.