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Chronik Österreich
09/24/2012

Die Gefahr des einarmigen Banditen

Die Anzahl der pathologischen Spieler steigt. Automaten haben das größte Suchtpotenzial, warnen Experten.

Es begann mit harmlosen Treffen nach der Arbeit. Herr B. ging mit seinen Kollegen noch schnell auf einen Kaffee. Nebenbei wurden Wettscheine ausgefüllt. Anfangs machte sich Herr B. noch darüber lustig, dann versuchte er es auch. Zehn Jahre später war er süchtig nach dem Automatenspiel, hatte fast 100.000 Euro verloren, löste Bausparverträge und nahm einen Kredit auf.

Seine Geschichte ist kein Einzelschicksal. Glücksspiele werden nicht nur in Österreich zu einem ernst zu nehmenden gesellschaftlichen und sozialen Problem. Die Anzahl der Personen, die jährlich eine Beratungsstelle aufsuchen, steigt kontinuierlich. Das belegen die Zahlen der Spielsuchthilfe Wien. Waren es im Jahr 1989 nur 289 betreute Personen, wurden 20 Jahre später schon 893 gemeldet.

Laut einer Studie des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung Hamburg haben etwa 64.000 Österreicher von 14 bis 65 Jahren ein zumindest problematisches Glücksspiel-Verhalten. Das entspricht etwa 1,1 % der Bevölkerung. Den höchsten Anteil von pathologischen Fällen stellen dabei Automatenspieler dar (47 %).

Der einarmige Bandit besitzt das größte Suchtpotenzial, bestätigt Michael Musalek, ärztlicher Direktor des Anton-Proksch-Instituts. "Zum einen ist die Spielabfolge sehr schnell und die Auszahlungsintervalle sind sehr kurz. Man muss nicht wie beispielsweise bei Lotto warten", erklärt der Therapeut. "Zum anderen hat man durch die Tasten am Automaten das Gefühl, die Kontrolle in der eigenen Hand zu haben. Da der Einsatz in Punkte umgewandelt wird, geht auch der Bezug zum Geld verloren."

Die Gesetzeslage für Anbieter des Automatenspiels ist komplex. In Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Oberösterreich und Burgenland ist das Betreiben von Automaten verboten. In den restlichen Bundesländern braucht man eine Lizenz, um Automaten zu betreiben und die Zahl der Lizenzen ist beschränkt. So kam es in allen Teilen des Landes in den vergangenen Jahren zum massiven illegalen "Wildwuchs" der Glücksspielgeräte.

Gesetz

Die Politik reagierte. Die gesetzlichen Änderungen des Glücksspielgesetzes (Novellen 2008 und 2010) und die Schaffung einer eigenen "SOKO Glücksspiel" verbesserten die Kontrolleffizienz in Österreich. Dies belegen die vorliegenden Zahlen des Finanzministeriums. In den vergangenen zwei Jahren wurden bei mehr als 800 Kontrollen der Finanzpolizei insgesamt mehr als 3000 illegale Spielgeräte beschlagnahmt (siehe Grafik) . Das Finanzministerium spricht bereits von einem deutlichen Rückgang bei den illegalen Geräten und den Aufstellorten. Verstärkt melden sich auch Spielsüchtige oder ihre Angehörigen bei der Finanzpolizei, um illegale Automaten zu melden.

Ausweg

Auch Herr B. hat sich dem Kampf gegen die Spielsucht verschrieben: "Ich sehe in unserer Firma, dass gerade viele Jugendliche sich Mitte des Monats nicht einmal mehr einen Kaffee um 40 Cent leisten können. Das ist tragisch."

Sein eigener Weg aus der Sucht war nicht leicht. Er ließ sich in den Admiral Casinos lebenslang sperren. Doch es nützte nichts. Obwohl er österreichweit eigentlich ein Betretungsverbot hatte, wurde er freundlich durchgewunken. Als letzten Ausweg legte sich der 37-Jährige eine neue Handynummer zu und brach den Kontakt zu seinen Freunden komplett ab. "Sonst wäre ich nie davon losgekommen. Wer selbst nicht aufhören kann, will auch nicht, dass es jemand anderer tut."

Damit sei der gebürtige Türke nur einer von zehn Prozent, die ohne eine Therapie aus der Sucht finden, erklärt Musalek.

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