Bankräuber bekommt eine Prämie
Am 4. Mai öffnete Rechtsanwalt Herbert Eichenseder den Brief des Landesgerichts Wien. Die Justiz teilte sinngemäß mit: Bitte geben Sie Ihre Kontonummer bekannt, Sie erhalten 63.000 Euro von einem Bankraub von uns. Trotz seiner reichen Berufs- und Lebenserfahrung war der Advokat verdutzt. Normalerweise zahlen Mandanten, nicht das Gericht. "Das ist nicht mein Geld", sagte sich der Jurist. Erwirtschaftet, wenn man es so sagen kann, hat es Otto N. Der heute 63-Jährige hatte im Jahr 1993 eine Bank überfallen und dafür sieben Jahre Haft ausgefasst.
Eine Prämie für einen nicht all zu zimperlichen Bankräuber? Eichenseder studierte den alten Akt. Die Erinnerung an den Fall kam wieder.
N. war jahrzehntelang Bank-Kassier gewesen. Trotz seines goldenen Händchens für Geld verlor er ein Vermögen mit Aktien. So erging es auch einem zweiten "Banker". Das Duo plante, sich den Verlust "zurückzuholen", wie N. damals vor Gericht schilderte. Der Plan: Sie versprachen einem Drogensüchtigen 400.000 Schilling (ca. 29.000 €) für einen Überfall auf N.s Filiale in Neustift am Walde in Wien-Döbling. Der Bank-Kassier spielte seine Rolle perfekt. Er ließ sich überfallen, fesselte seine Arbeitskollegen (!), half dabei, den Tresor auszuräumen. Sie ließen Geld, Silberbarren und Goldmünzen im Wert von 2,3 Millionen Schilling (ca. 167.000 €) mitgehen.
Wertzuwachs
Bald darauf gingen sie der Polizei ins Netz. Die Ermittler stöberten einen Teil der Beute auf, einen anderen brachte Eichenseder als Wiedergutmachung zum Gerichtsprozess mit. Um den entstandenen Schaden zu decken, wurden die Edelmetalle verwertet. Und siehe da: Es dürfte eine Summe herausgekommen sein, die den richterlich festgestellten Schaden überstieg. Der Mehrbetrag schlummerte offenbar bis zuletzt auf einem Konto der Justiz.
Eichenseder gefiel die schiefe Optik der Aktion gar nicht. Er war gerade dabei, sich beim Wiener Landesgericht und der betroffenen Versicherung abzusichern, als plötzlich das Geld auf seinem Konto eintrudelte. Der Advokat schrieb der Justiz: Ist das ernst gemeint? Antwort: Ja, die Ansprüche sind abzugelten. Und er fragte die Versicherung, ob nicht noch ein Schaden offen sei. Antwort: Alles ist erledigt. Wie kam die Justiz auf Eichenseder? Weil er damals dem Gericht Geld überbracht hatte.
Der Ex-Mandant war nur schwer zu finden. "Wohl war mir dabei nicht, aber rechtlich ist das in Ordnung", betont der Rechtsanwalt. N., der nur dreieinhalb Jahre seiner Strafe abgesessen ist, erhielt 63.000 Euro. Eichenseder: "Der hat mich richtig abgebusselt."
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