Chronik | Oberösterreich
27.08.2017

"Wir sind eigentlich am Ende"

20-Minuten-Sturm zerstörte 60.000 Hektar Wald – In Esternberg ist jeder Bauer betroffen.

"Wenn man das Ausmaß der Katastrophe nicht selber sieht, kann man es sich nicht vorstellen, was passiert ist. Wir haben so etwas noch nie erlebt." Maria Schild aus Lanzendorf, Gemeinde Esternberg (Bez. Schärding) steht noch immer unter Schock. Gemeinsam mit ihrem Mann Josef bewirtschaftet sie den Lenzbauer-Hof. Sie haben rund zwei Drittel ihres 20 Hektar großen Waldes verloren.

Insgesamt zerstörte der Sturm vor einer Woche, in der Nacht von Freitag auf Samstag, in ganz Oberösterreich 60.000 Hektar Wald. Beim Einsturz des Festzeltes in Frauschereck, Gemeinde St. Johann am Walde (Bez. Braunau) kamen zwei Personen ums Leben. In Esternberg verwüstete der Wind ca. 50 Hektar Wald. "Es gibt kaum einen Waldbesitzer, den es nicht erwischt hat", sagt Bürgermeister Rudolf Haas. "Die kleinste Schadens-Meldung liegt bei zwei, die größte bei zehn Hektar."

Schäden am Dach

Auch der Nachbarbauer Josef Doppermann wurde vom Sturm hart getroffen. "Es war katastrophal. Der Wind riss das Welleneternit über den Stall in den Hof. Der Strom fiel aus und es war stockdunkel. Nur der Blitz hat immer wieder etwas sichtbar gemacht. Ich habe den Sturm abgewartet und bin dann auf den Dachboden. Dort sah ich Löcher im Dach und stellte Kübel darunter. Insgesamt hat der Sturm 20 Minuten gedauert." Doppermann hat viele 100-jährige Fichten verloren. Sie sind abgeknickt. Der Schaden wird sich auf zwei bis drei Generationen auswirken, so Doppermann. "Die Existenz ist bedroht, da der Wald zur Hälfte zerstört ist. Auch die Randbäume wurden niedergerissen. Was noch steht, hat beim nächsten Sturm keine Chance. Heute Vormittag habe ich das erste Mal im Wald geweint, weil ich nicht mehr konnte. Ich stand vor einem steilen Hang und dachte mir, wir sind eigentlich am Ende. Meine Zwillingssöhne helfen im Betrieb mit. Ich muss den Schaden für sie aufarbeiten." Doppermann ist nun täglich von acht bis 21 Uhr mit der Motorsäge im Wald unterwegs.

Josef Schild geht es nicht viel besser. Die psychische Belastung des jungen Vaters ist groß. "Man hat das Gefühl, mit der Aufarbeitung des Schadens nie fertig zu werden. Meine Frau und ich sind berufstätig. Wie soll ich das alles schaffen, noch dazu ohne fremde Hilfe?"

Die Phasen der Depression wechseln mit Zuversicht. Man könne das Holz schließlich nicht liegen lassen, meint Josef Kasbauer, der 17 Hektar Wald besitzt. "Wir müssen positiv denken. Es ist immer wieder zu bewältigen, schließlich helfen wir im Ort ja auch zusammen. Ich sehe aber die Gefahr, dass der Holzpreis in den Keller sinkt. Außerdem kann der Borkenkäfer in unseren Wäldern noch mehr zur Plage werden, wenn wir das Holz nicht schnell aus dem Wald bringen."

Lokalaugenschein

Agrarlandesrat Max Hiegelsberger ist am Montag ins Katastrophengebiet gefahren, um sich den Schaden anzusehen. Er versuchte zu beruhigen. "Der Landwirt kann selbst entscheiden, ob er die Aufarbeitung alleine durchführt oder ob professionelle Hilfe geholt werden muss." August Wöginger, Abgeordneter zum Nationalrat, stammt aus Esternberg. Er ist ebenfalls vor Ort und rät zur koordinierten Zusammenarbeit: "Ein Plan muss aufgestellt werden, der festlegt, wann und wo Holz weggebracht wird."

Holzbringung

In der Zwischenzeit haben sich bereits einige Waldbesitzer dazu entschieden, selbst die Holzbringung zu übernehmen, sagt Josef Doppermann. Die Landwirte planen außerdem die Errichtung einer Forststraße für Traktoren am Fuße der Kösslleiten. Waldarbeiter könnten dann in Zukunft dann Stämme für den Abtransport leicht nach unten ziehen.

Autor: Peter Pohn