Ren´e Freund

© honorarfrei/Josef Ertl

Chronik Oberösterreich
08/13/2019

Vollkommen ungebraucht!

Eine Glosse des Schriftstellers Rene´ Freund.

In den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts war meine Großmutter am Sonntag oft zum Mittagessen bei uns. Nach dem Mahl pflegte sie ihre Serviette triumphierend in die Höhe zu halten, begleitet von den Worten: „Vollkommen ungebraucht!“ Meine Mutter hat das immer auf die Palme gebracht, denn sie fand, dass Servietten da sind, um verwendet zu werden. Eines Tages, nach dem Ausruf meiner Großmutter „Vollkommen ungebraucht!“, riss ihr meine Mutter wutentbrannt die Serviette aus der Hand und schleuderte sie zerknüllt und in eine Ecke des Zimmers.

35 Jahre später

Schnitt. 35 Jahre später, 2019. Sonntag. Meine Mutter hilft, den Tisch zu decken. „Aha. Servietten? Ganz etwas Neues in diesem Haus“, bemerkt sie leicht süffisant und ich verkneife mir die Bemerkung, dass bei uns immer Servietten auf dem Tisch liegen. Allerdings fragt man sich, wofür. Denn was macht meine Mutter nach dem gemeinsamen Mittagessen? Sie hält ihre Serviette triumphierend in die Höhe, begleitet von den Worten: „Vollkommen ungebraucht!“ Ich erwäge Zerknüllung sowie In-die-Ecke-Schleuderung. Aber irgendwann müssen Kreisläufe unterbrochen werden und so atme ich tief durch und rufe: „Mama, du bist wirklich ganz ganz toll!“

Autor Rene´ Freund lebt als Schriftsteller in Grünau im Almtal