Der Krippenstein als Paradies für Paragleiter

© Hörmandinger Reinhard

Chronik Oberösterreich
08/25/2019

Unterwegs im Reich von König Dachstein

Am Krippenstein. Bei der spektakulärsten Aussichtsplattform der Alpen beginnt die Rundwanderung im Karstgelände am Fuße des Dachsteins.

Lautes Grollen erfüllt die Luft. Es ist jedoch kein Gewitter, das am Krippenstein im Anzug ist, sondern ein Hubschrauber, der Brennholz für die Krippenstein-Lodge hertransportiert. Wir befinden uns oberhalb der Baumgrenze auf 2.063 Meter am Fuß des Dachsteins. Nur wenige Minuten von uns entfernt befindet sich die Bergstation der Dachstein Krippenstein-Seilbahn, die uns von Obertraun heraufgebracht hat.

Mit einer Höhe von 2.996 Metern über dem Meer ist er nicht nur der höchste Berg Oberösterreichs, sondern auch der zweithöchste Gipfel der nördlichen Alpen – der Dachstein. Die Krippenstein-Lodge war früher einmal ein Schutzhaus im Schatten dieses mächtigen Bergmassives. Hüttenwirt Clemens Unterdechler ist Teil der Geschichte der edlen Beherbergungsstätte. „Sie befindet sich seit 15 Jahren im Besitz unserer Familie. Seitdem bauen wir das Hotel aus und wollen mittelfristig energieautark werden. Die Übernachtungsvarianten gehen von einer Schlafkoje bis zur Luxus-Panorama-Suite mit 180 Grad Blick“, berichtet er.

Wir haben Respekt vor diesem Innovationsgeist, der erfreulicherweise bei zahlreichen Gästen gut ankommt. Zur Einstimmung in die karstige Höhenlandschaft rundum folgen wir für einige Minuten dem Wegweiser „5-fingers“.

Highlight

Das touristische Highlight des Krippensteins ist allemal einen Besuch wert. Weit ragen die fünf Stahlbalkone über die 1.500 m zum Hallstättersee abfallende Steilwand. Ein junges Pärchen aus Südkorea genießt neben Touristen aus aller Herren Ländern ebenfalls diesen atemberaubenden Blick.

Gleich einem Fjord füllt der See am Nordfuß des Dachsteinplateaus ein schmales eiszeitliches Becken. Tiefblau schmiegt er sich an den Ort Hallstatt. Mehrere Paragleiter starten hier ihren Rundflug über die spektakuläre Landschaft. Der Himmel über Hallstatt füllt sich mit der Zeit mit bunten Gleitschirmen. Auf dem Weg zurück passieren wir die „Welterbe-Spirale“, ein Schiff aus Aluminium, das einen fantastischen 360-Grad-Rundumblick bietet. Infotafeln verweisen auf andere Welterbestätten wie den 10.700 km entfernten Machu Picchu, die Vulkanlandschaft im 7.900 km entfernten Kamtschatka oder den in Ruanda liegenden Virunga-Nationalpark.

Schließlich begeben wir uns auf den Karstlehrpfad, der uns in drei Stunden durch eine außergewöhnliche Felslandschaft führt. Bei der hochsommerlichen Höhenwanderung werden wir immer vom Hallstätter Gletscher begleitet. Er ist der größte der sieben Gletscher des Dachstein-Massivs. Schautafeln informieren über den Karst. Der Begriff Karst stammt aus der slowenischen Sprache (slow. Kras = dünner, steiniger Boden).

Dachsteinkalk

Der Dachstein besteht aus Kalk, dem Dachsteinkalk. Das ist ein mehr als 1.000 Meter dicker Gesteinsblock, der vor rund 220 Millionen Jahren aus Muscheln und Korallen entstand. Regen sickert im Kalkgestein ein, fließt unterirdisch ab und lässt so die Karstlandschaft entstehen. Zuerst entwickeln sich nur kleine Risse und Spalten, aber mit der Zeit brechen an der Oberfläche ganze Krater ein und unter der Erde entstehen riesige Höhlensysteme.

Immer wieder entdecken wir wie von Künstlerhand geformte ausgewaschene Rinnen mit messerscharfen Kanten, Karren genannt. Dazwischen findet sich eine erstaunlich Blütenpracht aus Almrausch, weißen Margeriten, gelben Alpen-Sonnenröschen, rosaroten Kalk-Polsternelken und blauen Glockenblumen.

Dass hier einmal der Boden eines Ozeans war, symbolisiert die riesige Skulptur eines Hais aus Metall. Durch eine Öffnung steigen wir ins Innere des Dachstein-Hais und genießen eine beeindruckende Aussicht durch die furchterregenden Zähne des Riesentiers.

Das nahe Heilbronner Kreuz erinnert an die Tragödie des Jahres 1954, als am Gründonnerstag drei Lehrer und zehn Schüler aus Heilbronn entgegen vieler Warnungen eine Wanderung ins Dachsteinmassiv unternahmen und im Schneesturm umkamen. Bei der größten Suchaktion der alpinen Geschichte mit über 400 Bergrettern konnten erst nach neun Tagen die ersten Opfer geborgen werden, die letzten beiden Opfer erst nach 43 Tagen. Ein schreckliches Ereignis, das man sich an diesem herrlichen Sommertag gar nicht vorstellen kann.

Hirzkaralm

Jetzt ist der bestens markierte Weg leicht zu finden. Schließlich erreichen wir eine grüne Senke, die Hirzkaralm. Schon seit der Bronzezeit vor 4.000 Jahren lassen sich hier Spuren menschlicher Tätigkeit nachweisen. Aufgrund der geschützten Lage in einer Mulde, der Ablagerung von fruchtbarem Moränenmaterial und einiger Wasserstellen war dies ein idealer Standort für eine Alm. Hier findet sich auch die Station Gjaid der Dachstein-Krippensteinbahn, die uns nach der dreistündigen Rundtour wieder zum Krippenstein hinauf- und dann nach Obertraun zurückbringt.

Josef Leitner