Die kleine weiße Schlange im Teich

Seppy mit der kleinen, weißen Schlange Imala
Die kleine, weiße Schlange wollte auch gerne bunt und groß sein - und war am Ende zufrieden mit sich selbst

von Christa Koinig

In unserem Teich kann ich oft beobachten, wie sich eine Schlange auf einem Seerosenblatt sonnt. Ich hab’ keine Angst, weil ich weiß, dass das eine Ringelnatter ist, die froh ist, wenn man sie in Ruhe lässt. Da fällt mir eine Geschichte ein, die ich einmal gehört habe. Sie ist ziemlich lang, aber ich versuche, sie kurz zu erzählen. Es ist die Geschichte von der kleinen, unscheinbaren, weißen Schlange Imala, die mit sich unzufrieden war. Sie wollte nämlich auch groß, bunt und schrill sein, so wie die Schlangen im Land der Riesenschlangen. Also machte sie sich auf den Weg dort hin und traf auf die gelbe Giftnatter. Imala fragte, wie sie groß und bunt werden könnte, doch die gelbe Schlange wollte ihr das nicht verraten. „Das ist mein Geheimnis“, sagte sie, „geh zur roten Schlange, sie sagt es dir, wie du groß und bunt werden kannst.“

Viele Geheimnisse

Imala schlängelte weiter zur roten Höhle, doch die Schlange schoss heraus und zischte fürchterlich, es war nämlich die Zornnatter. „Warum bist du denn so zornig? Ich möchte doch nur wissen, wie ich groß und bunt werden kann.“ „Geh weg, das ist mein Geheimnis, frag die grüne Baumschlange“, fauchte die Zornnatter wieder. Imala suchte also die grüne Baumschlange, aber die schlief tief und fest und ließ sich nicht wecken. Dann begegnete Imala noch der braunen Klapperschlange, der blauen Wasserschlange und der schwarzen Trauernatter, aber keine wollte ihr Geheimnis preisgeben. „Was seid ihr doch giftig, zornig und faul! Wisst ihr was? Behaltet eure Geheimnisse für euch! Ich bleib’ so, wie ich bin, klein, unscheinbar und weiß. Nur so fühle ich mich wohl.“ Da war die kleine Schlange mit sich sehr zufrieden.

Christa Koinig ist künstlerische Leiterin des Linzer Puppentheaters

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