Chronik | Oberösterreich
29.04.2018

Roms größte Legion lagerte in Enns

Lauriacum/Enns. Die Handelsstadt wuchs durch seine Stellung als Militärzentrum des Römischen Reiches, mit Einflüssen aus Italien und dem Osten des Reiches.

Enns hat heute knapp 12.000 Einwohner. In der Blütezeit des Imperium Romanum um 250 nach Christi Geburt waren es mit 25.000 in Lauriacum mehr als doppelt so viele.

„Durch den Einzug der Legion hat sich sehr viel verändert. Aber wenn wir von der Römerzeit sprechen, ergibt das einen Zeitraum von 500 Jahren“, sagt Reinhardt Harreither. Der Archäologe und Historiker leitet das Museum Lauriacum in Enns.

Einst war Lauriacum eine Stadt in der Provinz Noricum mit guten Handelsbeziehungen. Dann wurde es zum Militärzentrum und der Hauptstadt der Provinz. Noricum umfasste die heutigen Bundesländer Kärnten, Salzburg, Oberösterreich, Niederösterreich, Steiermark, Teile Tirols und den Südosten Bayerns mit dem Chiemgau.

„Man geht davon aus, dass die Stadt im Jahr 15 vor Christi Geburt friedlich besetzt wurde“, meint Harreither gegenüber dem KURIER. Mit 6.000 Legionären, darunter 120 Reitern, war die Legio II Italica die größte der 33 Legionen im gesamten Imperium Romanum. Sie waren auf mehrere Stützpunkte innerhalb der Provinz aufgeteilt. In Tag- und Nachtschichten entlang des Sonnenstands lag die Hauptaufgabe in der Kontrolle des Donauraums und des Ennstals. Darin enthalten war die Überwachung von Verkehr und Handel entlang des Limes, des Grenzweges zu den Germanen. Dieser verlief entlang der Donau. Befestigungsbauten wurden angelegt. Heute erhalten sind Wälle, Palisaden, Mauern, Wachttürme, Lager und Kleinkastelle. Daneben wurden die Legionäre in anderen Bereichen eingesetzt. „Sie mussten Rüstungen ausbessern, waren zum Reparieren des umfangreichen Straßen- und Brückennetzes draußen oder hatten Verwaltungsaufgaben“, sagt er. Schlecht verdient haben die Legionäre dabei nicht. „Mit 750 Denaren pro Jahr konnte sich ein Legionär schon etwas leisten.“ Nach 25 Jahren sind sie laut Harreither aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und haben der aktiven Legion zugearbeitet. Rund um das Legionärslager gab es Siedlungen und Bauernhöfe. „Die Menschen haben viel und hart gearbeitet, um die Legion zu versorgen.“ Sechs Tonnen Getreide pro Tag seien nur für die Legion benötigt worden. 6.000 Soldaten brauchten mindestens 12.000 Schuhe. Händler haben sich angesiedelt, Handwerker, Steinmetze, Maurer, Tischler, Schmiede und Künstler.

„Ein reger Kulturaustausch hat eingesetzt, als die Legion kam“, sagt Stefan Traxler, Archäologe vom OÖ. Landesmuseum. Ausgehoben sei sie in Norditalien geworden. Einflüsse aus Aquileia und Verona wurden spürbar. „Die Legion war in Südnoricum aktiv. Bewohner aus der Provinz und aus dem Osten des Reiches sind eingetreten.“ Bauaktivitäten dieser Legion seien durch Siegelstempel von Regensburg bis Ungarn bekannt.

Harreither meint: „Es ist eine faszinierende Reise in eine spannende Zeit, die zwei Dinge erkennen lässt: Wie weit entfernt die Zeit ist und wie nahe uns die Menschen damals schon waren.“ Die Menschen hätten ähnliche Wünsche gehabt wie heute. Ob es tatsächlich Liebe, Glück und ein gutes Leben waren, kann man nur teilweise feststellen. „Holz, Leder und Papyrus hält sich keine 1.800 Jahre.“ Aber die Bevölkerung sei so differenziert gewesen wie heute. „Es gab schöne Häuser, Villenvierteln und Gegenden, wo die Menschen sehr arm waren“, sagt er. Neben Keramikscherben, die auf Bauernhöfe schließen lassen, und Münzen, seien Reliefteile von fünf bis sechs Meter hohen Grabdenkmälern aus wertvollem Kärntner Marmor erhalten. „Wer es sich leisten wollte, hat sich ein privates Bad gebaut. Andere Menschen sind in öffentliche Thermen gegangen.“

Um 480 nach Christus sorgte der Einmarsch der Germanen für Destabilisierung und Armut.