Johann Klinger mit inmitten seiner Gäste

© Rathmacherhof

Chronik Oberösterreich
08/13/2021

Neustart als Bauer mit Weitblick und Unternehmergeist

Johann Klinger hat in Lochen am See aus dem Nichts einen Betrieb mit mehreren Standbeinen aufgebaut. Von Gerhard Marschall.

Johann Klinger verkörpert die Antithese zum oft zitierten Bauernsterben. „Ich wollte einfach wieder Bauer sein“, begründet er seine mutige Entscheidung. Nach längerer Abwesenheit kehrte er 2015 auf den elterlichen Betrieb in Lochen am See (Bez. Braunau) zurück und wagte den Neustart. Was sich so einfach anhört, war allerdings mit einem gewaltigen Kraftakt verbunden, und hat dem heute 47-jährigen Innviertler großes Durchhaltevermögen abverlangt.

Hof stand 25 Jahre leer

Nach dem frühen Tod des Vaters war die Familie weggezogen, der Hof in der Ortschaft Tannberg stand 25 Jahre lang unbewirtschaftet leer. Klinger absolvierte derweil die Fachschule für Land- und Forstwirtschaft, arbeitete danach als Lagerarbeiter in einem Baumarkt – bis ihn die Sehnsucht nach seinen Wurzeln überkam. Doch der Einstieg war mühsam. Zunächst musste der Hof komplett abgerissen und Gebäude für Gebäude neu aufgebaut werden.

Veredelung der eigenen Produkte samt Direktvermarktung gewinnt in der Land- und Forstwirtschaft zunehmend an Bedeutung. Bereits fast zehn Prozent der rund 31.000 Betriebe in Oberösterreich erwirtschaften auf diese Weise zusätzliches Einkommen. Das ist möglich, weil auf Konsumentenseite das Bewusstsein für Regionalität beständig zunimmt. Diese Entwicklung wurde zuletzt in Corona-Zeiten verstärkt: Immer mehr Menschen interessieren sich für die Herkunft der Lebensmittel und eine nachvollziehbare Produktionsweise.

Mehrere Standbeine

Johann Klinger hat beizeiten auf diesen Trend gesetzt, indem er den neugegründeten Rathmacher Hof mit 34 Hektar Grund biologisch ausgerichtet und auf mehrere Standbeine gestellt hat. Aus den Anfängen bei null sind, neben der Forstwirtschaft, drei Betrieb entstanden. Der Obst- und Beerenbetrieb liefert Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Himbeeren, Brombeeren und neuerdings auch Heidelbeeren zum Selbsternten. Der Gemüsebau ist mittlerweile an die Nachbarn Josef und Ursula Winkler verpachtet. Die Produkte werden im Hofladen verkauft, wird aber auch über die auf Initiative Klingers gegründete SoLaWi Tannberg vertrieben. Das Kürzel steht für Solidarische Landwirtschaft, die auf Mitgliedsbasis funktioniert. Zurzeit werden bereits mehr als 100 Haushalte beliefert.

Die Gastronomie rundet das Angebot des Rathmacherhofes ab. „Ein klassischer Heurigenbetrieb“, sagt Klinger. Die Jause gibt es in allerlei Variationen, durchaus auch deftig, es gibt aber auch Salate und Mehlspeisen. Das Bier kommt vom Hofbräuhaus Traunstein im benachbarten Bayern, die Säfte stammen aus eigener Erzeugung. Geöffnet ist von Donnerstag bis Sonntag.

Cider und Frizzante

Selbstredend werden auch der Birnen-Cider und der Birnen-Frizzante serviert, für die Klinger heuer in Wieselburg jeweils eine Goldmedaille erhielt. Beim Bio-Award Oberösterreich 2021 für Leistungen im biologischen Landbau war der Rathmacherhof einer der vier Finalisten.

Mit rund 31.000 Betrieben deckt Oberösterreich knapp ein Fünftel des land- und forstwirtschaftlichen Sektors ab. Oberösterreich ist Tierhaltungsland Nummer 1, ein Drittel der Gesamtproduktion kommt von hier. Mit einem Drittel der gesamten Milchproduktion ist Oberösterreich auch in diesem Bereich das leistungsstärkste Bundesland und verfügt zudem über rund 39 Prozent des gesamten Schweinebestands. Und nicht zuletzt: Rund 4.600 Bauern wirtschaften mittlerweile nach den Grundsätzen des Bio-Landbaus, das deckt 18 Prozent der gesamten Agrarfläche im Land ab.

Arbeitsplätze halten

Diese Position gelte es im Sinne der Versorgungssicherheit, aber auch zur Absicherung der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft sowie in den vor- und nachgelagerten Bereichen zu verteidigen, argumentiert Agrarlandesrat Max Hiegelsberger (ÖVP): „Unser Ziel ist es, den selbstbewussten Weg der oberösterreichischen Landwirtschaft fortzusetzen.“ Und das angesichts der anstehenden Herausforderungen: Struktur- und Klimawandel, rasante Digitalisierung, Globalisierung. Deshalb habe das Land 2019 den Strategieprozess „Zukunft Landwirtschaft 2030“ gestartet, erklärt Hiegelsberger. Dazu zähle, die Chancen der EU-Programme zu nutzen und die Betriebe bei ihren Investitionen zu begleiten.

Investition von 1,4 Millionen Euro

Klinger hat alles in allem rund 1,4 Mio. € in sein ehrgeiziges Wiedereinsteigerprojekt investiert, exklusive der enormen Eigenleistung. Für Landwirtschaft und Gastronomie bekam er 90.000 € an Förderungen. Obwohl viel Arbeit hinter ihm liege und es davon täglich jede Menge gebe, habe er die Entscheidung zum Neustart als Bauer nie bereut, sagt Klinger. Er würde diesen Schritt wieder machen: „Ich mag Herausforderungen.“

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