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Chronik Oberösterreich
08/16/2020

Lebenslang bedeutet meist 21 Jahre Haft

Linzer Sexualmörder wurde kürzlich nach 29 Jahren bedingt entlassen. Von Gerhard Lukesch.

Nach der bedingten Entlassung eines Sexualmörders, der am 28. April 1990 in Linz eine 17-Jährige niedergestochen und die Sterbende vergewaltigt hatte, fragen sich viele: Wie lange ist lebenslang wirklich? Der Fall hatte vor 30 Jahren beträchtliches Aufsehen sogar in ganz Österreich erregt.

17-jähriges Lehrmädchen

Der damals 25-Jährige wohnte in der Linzer Innenstadt neben dem 17-jährigen Lehrmädchen, das er lediglich vom Sehen kannte. Am 28. April 1990 kam er nach einer Zechtour betrunken in das kleine Haus. Der Arbeiter war alleine in der Wohnung, weil seine damalige Freundin über Nacht ihre Eltern im Mühlviertel besuchte. Als die 17-jährige Nachbarin kurz nach Mitternacht auf die Toilette ging, die sich fatalerweise am Gang befand, hörte dies der Mann und schlich sich mit einem 17 Zentimeter langen Küchenmesser in das unversperrte Zimmer des Mädchens. Dort wartete er hinter der Tür.

Sexuell erregt

„Ich war vielleicht sexuell erregt“, wollte sich der 25-Jährige im Prozess am 8. November 1990 im Linzer Landesgericht nicht mehr an das Motiv erinnern. „Als das Mädchen ins Zimmer zurückkam und mich gesehen hat, hat sie geschrien und ich hab’ zugestochen.“ Insgesamt fünf Mal stach er in den Rücken der jungen Frau, dann schleppte er sie auf ihr Bett und vergewaltigte sie. Für den psychiatrischen Sachverständigen war der Angeklagte trotz zwei Promille Alkohol im Blut voll zurechnungsfähig, denn nach der Tat ging der Mann noch in das Altstadtlokal „Podium“ auf ein Bier und fragte einen Kellner, ob er schon einmal neben einer Leiche aufgewacht sei. „Ich dachte, der ist verrückt, da kann was nicht stimmen“, sagte der Kellner vor Gericht aus.

Im November 1990 verurteilt

Es stimmte tatsächlich etwas nicht: Am nächsten Morgen kam die Freundin des Täters nach Linz zurück, der 25-Jährige erzählte ihr, er sei in der Nacht im Haus überfallen worden und neben der toten Nachbarin aufgewacht. Die Freundin überredete ihn, die Polizei zu verständigen, die die Leiche fand. Weil die Geschichte des Arbeiters völlig surreal war, wurde er sofort von der Kripo unter Mordverdacht festgenommen. Im November 1990 wurde zu lebenslang verurteilt.

Nach 29 Jahren wieder in Freiheit

Nach 29 Jahren ist der Linzer heute wieder in Freiheit. Er hatte sich in der Haft mit dem Verbrechen auseinandergesetzt und Therapien gemacht. Dies ist die Voraussetzung für eine bedingte Entlassung. Auch die Wahrscheinlichkeit einer erneuten derartigen Tat muss von Psychiatern als gering eingestuft werden. Nach frühestens 15 Jahren können zu lebenslangem Freiheitsentzug verurteilte Straftäter vorzeitig auf Bewährung entlassen werden, wenn sie nicht mehr als gefährlich gelten.

Perspektive für Häftlinge wichtig

Man müsse Häftlingen diese Perspektive geben, sagt auch der Linzer Strafrechtsexperte Univ. Prof. Alois Birklbauer von der Uni Linz. Denn die Gewaltbereitschaft im Gefängnis wäre nicht mehr beherrschbar, wenn ein Häftling absolut keine Chance mehr hätte, jemals wieder in Freiheit zu kommen. „Dass zur Höchststrafe verurteilte wirklich nach 15 Jahren wieder entlassen werden, ist in den vergangenen 35 Jahren nur zweimal vorgekommen“, so das Justizministerium.

Jack Unterweger

Einer dieser Häftlinge war Jack Unterweger, der 1974 eine Frau getötet hatte. Er beging im September 1990, wenige Monate nach seiner Freilassung, wieder einen Mord. Im Juni 1994 wurde er in Graz wegen neunfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Nur Stunden nach dem Schuldspruch erhängte sich der 44-Jährige in der Zelle. Übrigens: Jeder Dritte zur Höchststrafe Verurteilte stirbt im Gefängnis. Derzeit sind 155 Männer und Frauen in lebenslanger Haft.

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