Chronik | Oberösterreich
07.10.2018

Idylle am Mariazeller Weg

Maria Neustift. Wallfahrtsdreieck mit Mariazell und Maria Taferl – Ramingbach teilte Russen von den Amis

Wer als Besucher von Maria Neustift entlang des Ramingbaches von Steyr kommend anreist, fühlt sich bei der Ankunft an alte Heimatfilme erinnert. Rund um die steinerne Wallfahrtskirche gruppieren sich ein Häufchen Häuser, mehrere Gasthöfe und eine historisch anmutende Gemischtwarenhandlung. Pure Idylle, wie es scheint.

Amtsleiter Ferdinand Henöckl erinnert an ganz andere Zeiten: „Nach dem Zweiten Weltkrieg verlief die Grenze zwischen der amerikanischen und russischen Zone durch den Ort. Mein Großvater wurde von den Russen als Bürgermeister eingesetzt. Daneben gab es auch einen Bürgermeister der Amerikaner.“ Schließlich haben sich die Russen hinter den Ramingbach zurückgezogen, der auch heute noch die Grenze zu Niederösterreich bildet.

Nationalpark

Jetzt herrscht im landwirtschaftlich geprägten Ort eine friedliche Atmosphäre. Die auf der Anhöhe zwischen dem Ramingtal und dem Ennstal gelegene Nationalpark-Gemeinde lädt zum Verweilen ein und wirbt mit den Worten: „Wer hier ankommt, taucht ein in eine Welt, die Kraft gibt. Kraft für den Körper, Kraft für die Seele.“ Spirituelle Ermunterung gibt es jedenfalls in Fülle. 120 Bildstöcke sind über das Ortsgebiet verteilt. Alle paar Meter findet sich ein Marterl oder eine Kapelle. Diese religiöse Tradition soll in Zukunft noch ausgebaut werden. „Wir wollen ein Wallfahrts-Dreieck zwischen Maria Neustift, Maria Taferl und Mariazell errichten“, so Henöckl.

Also begeben wir uns hinein in die Bilderbuchlandschaft. Aus dem breiten Wanderangebot wählen wir den Weg E31a, den Panoramaweg Freithofberg, aus. Er führt uns zunächst entlang des Mariazeller Wegs an mehreren Bauernhöfen vorbei. Beim Blick in die vielfältig zergliederte Landschaft eröffnet sich ein Farbenspiel in Grün. Dominiert wird es vom hellen Grün der Wiesen. Dazwischen dunkle Tupfen, die Baumreihen und Wälder anzeigen. Aufgrund der Höhenlage gibt es keine Getreidefelder, dafür zahlreich weidende Rinder. Der Blick geht von den schützenden bis zu 1110 Metern ansteigenden Bergen zum lang gestreckten Sengsengebirgs-Massiv. Dahinter leuchten – schon schneebedeckt – Warscheneck und Großer Priel. Schließlich wird die Hochfläche des Freithofberges auf 895 Metern erreicht. Ein großzügiger Holztisch lädt uns Besucher ein. Die Almwirtin Gitti serviert eine köstliche Almjause, alles aus eigener Produktion, inklusive Brot und würziger Wurst. Gitti kennt die Besonderheit dieses Ortes: „Ursprünglich war hier eine heidnische Kult- und Begräbnisstätte. Die Sage berichtet, dass im Mittelalter ein Kampf zwischen zwei Rittern stattgefunden hat. Als Ritter Oswald zu unterliegen drohte, rettete ihn und seine Kämpfer ein plötzlich auftauchender Nebel, der ihnen das Entkommen ermöglichte. Zum Dank wollte Oswald eine Kirche auf dem Freithofberg errichten. Scharen von Raben trugen allerdings die Späne des gefällten Holzes von der Baustelle an einen anderen Platz weiter hin unter ins heutige Maria Neustift. Obwohl es Sommer war, waren die Späne mit lichtem, weißem Schnee bedeckt. Man sah darin ein Zeichen des Himmels und errichtete daselbst schließlich die Kirche.“ Treffenderweise nannte man sie „Maria Schnee zu Neustift“. Zeitweilig soll daraus der bedeutendste Marienwallfahrtsort im Land ob der Enns geworden sein. Zum Abschied serviert uns Gitti noch einen hauseigenen Heuschnaps. www.maria-neustift.at

Josef Leitner ist Universitätslektor und besucht mit seinem Reisemobil interessante Plätze der Kultur und Natur