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Glosse
11/09/2020

Feiern, dass alles gut ist

Furchtbare Ereignisse machen bewusst, wie schön unsere Lebensverhältnisse grundsätzlich sind. Von Silke Kranz.

Als sich vergangenen Montag der Terroranschlag in Wien ereignete, war ich gerade im Nachtdienst. Nach einem langen Ordinationstag fühlten sich meine Ohren übervoll an und ich hatte ehrlich gesagt wenig Lust auf weitere zwölf Stunden Corona. Und dann kam die Nachricht von dieser schrecklichen Attacke, die mich in der Nacht auch während der Phasen, in denen ich Ruhe gehabt hätte, nicht losließ. Als ich am Dienstag nach Hause fuhr, dachte ich mir, dass das genau so gut ich hätte sein können. Dass ich vielleicht auch noch einmal mit meiner Familie essen gegangen wäre. Und plötzlich werden Leben ohne Grund ausgelöscht.

Manchmal koche ich groß auf

Mein nächster Gedanke galt den Gründen, warum bei mir zu Hause hin und wieder der Haussegen schief hängt – und ich kam mir so dumm vor. Wirklich wegen Einrichtungsgegenständen und sonst nichts? Wir sind gesund, haben wundervolle Kinder und müssen uns um unsere Einkommen keine Sorgen machen. Also beschloss ich, wieder einmal ein Galadiner auszurufen. Das haben wir uns während des ersten Lockdowns so angewöhnt, dass ich manchmal groß aufkoche, den Tisch schön decke und wir uns alle fein anziehen. Mit den Gläsern für besondere Anlässe haben wir auf das Leben angestoßen und ich war einfach nur glücklich, meine Lieblingsmenschen wohlauf und sicher um mich zu wissen.

Schätzen, was wir haben

Mein Sohn war etwas durcheinander. In der Schule hatten sie kurz über den Terroranschlag gesprochen, aber er wollte daheim noch einmal wissen, warum jemand so etwas tun kann. Was antwortet man am besten darauf? Beim Essen fühlte er sich wohl, und danach sagte er: Mama, es ist voll schön, dass wir heute das Leben gefeiert haben, aber eigentlich ist es traurig, dass wir so einen Grund dafür hatten, oder? Und da kommt meine pathetische Ader wieder durch: Warum schätzen wir nur, was wir haben, wenn Tragödien passieren? Warum bedarf es Bedrohungen oder manchmal auch Druck, dass wir unseren Liebsten sagen können, ich liebe euch, schön, dass wir zusammen sind? Viel besser wäre es doch, sich zusammenzusetzen und „grundlos“ zu feiern, dass Gott sei Dank alles gut ist. Denn das ist der beste Grund.

Silke Kranz ist diplomierte Sport- und Ernährungsmedizinierin und Ärztin für Allgemeinmedizin in Bad Zell

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