Chronik | Oberösterreich
01.07.2018

„Dunkelheit für immer gibt es nicht“

Autobiografisches. Vor zwei Jahren nach ungeklärtem Unglück ganz unten, heute Start beim Ironman in Klagenfurt

Heute erzähle ich Ihnen etwas Privates. Wenn es Sie nicht interessiert - ich nehme es nicht persönlich - dann blättern Sie bitte einfach weiter. Aber vielleicht hat es Ihnen gerade den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie können es nicht mehr ertragen, dass jemand, der selbst noch nie ganz unten war, Sie mit Floskeln wie „die Zeit heilt alle Wunden“ oder „du musst nach vorne schauen“ aufmuntern will?

Ich war ganz unten. Im Oktober 2016 ist mein Partner tödlich verunglückt. Was genau passiert ist, werde ich wohl nie erfahren, weil er bis jetzt nicht gefunden wurde. Ich weiß nur, dass er von einer mehrtägigen Bergtour nie zurückgekehrt ist. In der ersten Phase habe ich alles versucht, damit noch genauer nach ihm gesucht wird, bin auch mehrfach selbst losmarschiert.

Glauben Sie mir, auch wenn Sie sich der Wissenschaft verbunden fühlen, in der absoluten Verzweiflung wenden Sie sich allem zu. So bin ich von einer Schamanin zum nächsten Wunderheiler zum nächsten Medium gelaufen, um irgendetwas zu „erfahren“ - ich hörte verschiedene Versionen. Irgendwann kam der Zusammenbruch, aber ich musste funktionieren, bin Mutter eines Volksschülers, dessen Leben natürlich auch komplett durcheinander war. Ich musste bei den Hausübungen helfen, kochen, waschen und arbeiten, ich bin ja selbstständig.

Meine „Diät“ damals? Sieben Tabletten täglich, darunter Antidepressiva, angstlösende Tabletten, Schlaf- und Schmerzmedikamente, da ich unter starken Nackenschmerzen litt. Dazu eine halbe Flasche Wein und circa fünfzehn Zigaretten.

Silke Kranz hatte als Rennärztin bei der Alpentour Trophy in Schladming ein tolles Erlebnis

Keine Kraft

Davor war ich sehr sportlich gewesen, ich sehnte mich nach dem Klang meiner Laufschuhe auf dem Boden, nach meiner ruhigen Atmung beim Yoga. Aber ich hatte keine Kraft und musste oft sogar auf dem Weg von meiner Wohnung hinunter in die Garage stehen bleiben. Ich suchte mir eine Psychotherapeutin. Irgendwann im Winter begann ich mit Nordic Walking und zwanzigminütigem Ergometertraining. Dann besuchte ich ein Anfänger-Schwimmtraining. Nebenbei bemerkt, ich war früher Marathon gelaufen und hatte an Triathlonbewerben erfolgreich teilgenommen.

Ich schloss mich Vereinen an, damit ich unter Anleitung wieder im Gelände Skifahren konnte. Im Frühjahr 2017 lief ich mit einer Freundin einen Halbmarathon, im Herbst einen Marathon. Irgendwann kam mir eine alte Idee: Ich wollte immer zum vierzigsten Geburtstag am Ironman in Klagenfurt teilnehmen. Das bedeutet 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen. Deshalb erzähle ich Ihnen meine Geschichte: Heute ist es soweit. Mein Tag ist gekommen. Ich habe trainiert und hoffe, heute spätabends das Ziel in Klagenfurt zu erreichen.

Aber ich habe schon gewonnen: Mein Sohn ist wieder ein glücklich. Ich brauche weder Medikamente noch Genussmittel. Ich kann wieder Autofahren ohne davon überzeugt zu sein, dass gleich ein schrecklicher Unfall passiert. Ich fühle mich in den Bergen wieder wohl. Ich kann wieder Skitouren gehen ohne ständig die nächste Lawine zu erwarten.

Ich kann es schätzen, dass es in meinem Leben viele Menschen gibt, die froh sind, dass es mich gibt und mich immer unterstützen. Ich erfreue mich an Sonnenschein und Regen, Vogelgezwitscher und tausend kleinen Dingen.

Stachel

Meine Therapeutin hat mir gesagt, dass ein Stachel bleiben wird. Mit diesem Stachel muss ich mich wohl abfinden. Aber er hat auch einen Vorteil- wenn mich Menschen enttäuschen oder irgendetwas nicht nach Plan verläuft, denke ich jetzt immer: „da habe ich schon ganz andere Dinge gemeistert“. Unzählige Male habe ich in den letzten knapp zwei Jahren den Sonnenaufgang verflucht. Wenn Sie sich gerade so fühlen - ich verstehe Sie, aber Udo Jürgens hatte recht, als er sang: … denn Dunkelheit für immer gibt es nicht!

Silke Kranz ist Ernährungs- und Sportmedizinerin und Ärztin für Allgemeinmedizin in Bad Zell.