Die leisen Töne hören

Unsere Omama kann so vieles, was heute kaum jemand mehr selber macht. Von Christa Koinig.
Seppy

Sie backt Brot und Kuchen, kocht Marmelade, strickt Mützen und näht Kissen aus alten T-Shirts – und sie kann Puppen wieder gesund machen, die sonst niemand reparieren würde. Spielsachen, die nicht einfach entsorgt werden, wenn sie nicht mehr gefallen, heilt sie in liebevoller Kleinarbeit. Solche ganz alten, zerzausten Puppen und Teddys, das sind Omamas Lieblingspatienten.

Kürzlich lag wieder eine alte Puppe auf der Werkbank. Der Kopf war gebrochen, die Haare zerzaust. Früher konnte sie wahrscheinlich „Mama“ sagen, und auch Teddybären brummten leise. Mehr brauchte es nicht, die Kinder waren glücklich damit. Die neue Patientin aber, diese alte Puppe, die schwieg. „Die Stimme ist kaputt“, hieß es. Doch während Omama die Puppe vorsichtig untersuchte, geschah etwas Merkwürdiges: Zwischen Nadelkissen, Knopfschachteln, Fadenspulen und Farbtöpfen war plötzlich ein feines Stimmchen zu hören.

Die winzige Stimme war da, sie wurde überhört

Kein richtiges Wort, eher ein Hauch. Wenn man ganz genau lauschte, klang es beinahe wie „Danke“. Man musste wirklich ganz genau hinhören, denn die Küchenuhr tickte ziemlich laut und irgendwo ratterte die Waschmaschine. Doch unter all dem war sie da – diese winzige Stimme. Nicht kaputt. Nur überhört. Omama reparierte diese Puppe mit besonders viel Sorgfalt. Der Kopf ist jetzt wieder ganz, die Haare sogar frisch geföhnt. Dreht man sie auf den Rücken, hört man wieder ein klar klingendes „Mama“. Wie so oft habe ich wieder gelernt: Nicht die am lautesten schreien, haben etwas zu sagen. Oft sind es die leisen Töne, die am meisten bedeuten.

Christa Koinig ist künstlerische Leiterin des Linzer Puppentheaters

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