Chronik | Oberösterreich
29.04.2018

Das Dreifache ist einfach viel zu viel

Ernährung. Männer essen das Dreifache der empfohlenen Fleischmenge – Portionsgrößen in den USA verdreifacht

In der vergangenen Woche habe ich am Fachtag Ernährung in Wien teilgenommen. Dort wurden uns von der Gesellschaft für Ernährung sowie den Medizinischen Universitäten Graz und Wien der österreichische Ernährungsbericht aus 2017 und die aktuellen internationalen Ernährungstrends vorgestellt. 2017 wurde in den USA erstmals seit der Nachkriegszeit weniger Nahrung aufgenommen als im Jahr davor. Das bedeutet, bei allem, was die Amerikaner ignorieren, beginnt zumindest im Lebensstilbereich langsam ein Umdenken.

Verdreifacht

Der Grund für das massive Übergewicht dort liegt übrigens vor allem an den Portionsgrößen. Diese haben sich seit den Siebzigerjahren verdreifacht, was in Kombination mit der abnehmenden körperlichen Aktivität zu dieser unglaublichen Gewichtsexplosion geführt hat. Fairerweise darf ich meinen Zeigefinger aber nicht nur gegen die USA erheben. Weltweit – inklusive Entwicklungsländern! – wurden pro Kopf und Nase 2017 rund 42,5 kg Fleisch verzehrt, so viel wie nie zuvor. Die österreichischen Männer konsumieren das Dreifache der empfohlenen Fleischmenge. Wenn Sie nun sagen, es gibt dafür immer mehr Vegetarier, muss ich Sie korrigieren. Diese bleiben mit 5,3 % konstant, lediglich der Anteil der Veganer hat sich mit 1,2 % erhöht. Der Österreicher nimmt durchschnittlich 2453 Kilokalorien täglich zu sich, die Österreicherin 1853. Eine stattliche Menge, die bei immerhin 39,4 % derer, die Mischkost zu sich nehmen, zu Übergewicht geführt hat. Nebenbei bemerkt auch bei 27,3% der Vegetarier. Das heißt, gut ein Drittel von uns Erwachsenen ist übergewichtig, wir sollten also den Ball flach halten, was Urteile über die Rundungen anderer Gesellschaften betrifft.

Häufig wird ja behauptet, dass der hohe Konsum von Kohlehydraten zur Adipositas-Epidemie geführt hat. Auch hier muss ich Sie enttäuschen. Die Ernährung von Herr und Frau Österreicher setzt sich zusammen aus 14,8 % Eiweiß, 45,1 % Kohlehydraten und sagenhaften 36,9 % Fett. Nicht zu vergessen die 3,2 % unserer Gesamtkalorienmenge, die wir über Alkohol zuführen. Die optimale Zusammensetzung wäre 15 % Eiweiß, 55 % Kohlehydrate und 30 % Fett.

Sie sehen, wir praktizieren ohnehin das vielgelobte Low Carb, jedoch wenig erfolgreich. Worauf wir tatsächlich achten sollten, ist die Art der Kohlehydrate, die wir aufnehmen. Das Problem ist der freie Zucker und nicht das Brot. Würden wir zum Beispiel den Zuckergehalt unserer Getränke um 40 % reduzieren, würde nicht nur das Übergewicht in der Bevölkerung reduziert, es gäbe auch um sagenhafte 15.000 Diabetes-Erkrankungen weniger pro Jahr.

Dr. Silke Kranz ist Sport- und Ernährungsmedizinerin in Bad Zell.

Zuckersteuer?

Hier habe ich zumindest eine gute Nachricht für Sie. In Österreich wurde der Zuckergehalt unser Getränke insgesamt im letzten Jahr bereits um 13,5 % gesenkt. Ein großes Thema war auch die Sinnhaftigkeit der Einführung einer Zuckersteuer, wie es vor kurzem in Großbritannien erfolgt ist. Wie immer gibt es hier Vor- und Nachteile zu berücksichtigen. Einerseits reduzieren Konzerne den Zuckergehalt ihrer Getränke damit freiwillig, um billiger zu sein, andererseits werden stattdessen Süßstoffe zugesetzt, welche die Lebensmittel teilweise sogar süßer im Geschmack machen. Dadurch bleiben unsere Geschmacksknospen weiterhin auf übermäßig süß gepolt, was natürlich wiederum keine Änderung des Essverhaltens bewirkt. Die Dänen haben die Besteuerung von zuckerhaltigen Nahrungsmitteln deshalb schon wieder aufgegeben.

Flexitarier

Abschließend möchte ich Ihnen noch erzählen, was ich für mich persönlich gelernt habe. Ich weiß nun endlich, in welche Ernährungsgruppe ich auf neudeutsch falle. Meine wissenschaftliche Kategorie lautet Flexitarier. Was nach einer Dinosauriergattung klingt, bedeutet, dass ich mich großteils vegetarisch ernähre, aber hin und wieder auch gerne eine etwas kleiner als durchschnittliche Portion Fleisch verzehre. Meine jugendlich formulierte Essens-Clique nennt sich „Clean Eater“. Wir achten auf regionale Lebensmittel, bereiten unser Essen großteils frisch zu, verzichten so gut wie möglich auf verarbeitete Nahrungsmittel und versuchen, so wenig Müll wie möglich zu produzieren. Damit kann ich gut leben. Dazu fällt mir ein er meiner Lieblingssprüche ein: You are what you eat, so don’t be fast, easy, cheap oder fake!