Chronik | Oberösterreich
22.04.2018

Ernährung: Der Bodymassindex ist überholt

Entscheidend ist vielmehr das Verhältnis des Taillenumfangs zur Körpergröße.

Diese Woche hat mich ein Patient gefragt, was ich von genetischen Untersuchungen im Lebensstilbereich halte. Ich finde es phänomenal, was heutzutage durch DNA-Analysen herausgefunden werden kann, und sie bringen auch präventivmedizinisch großen Nutzen. Zum Beispiel kann bei entsprechender Familiengeschichte die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, errechnet werden, wodurch frühzeitig gehandelt werden kann.Auch bei Kinderwunsch und erblichen Krankheiten in der Familie können genetische Untersuchung richtungsweisend sein.

Gläserner Mensch

Was mir nicht gefällt, sind jedoch Analysen, die mich ohne medizinische Indikation zum gläsernen Menschen machen. Ich muss mir meinen Stoffwechsel nicht auf molekularer Ebene erklären können, und ich weiß, dass bereits seit meiner Geburt Alterungsprozesse eingeleitet wurden. Mein genetischer Code möge bitte nicht verändert werden, nur um zu einem späteren Zeitpunkt faltig zu werden oder die eine oder andere Portion Eis mehr zu vertragen.

Vergangene Woche habe ich vom Gen FGF 21 gelesen. Dänische Wissenschaftler haben es entdeckt und auch das „Naschkatzen-Gen“ genannt. Ist dieses Gen in der A-Variante vorhanden, nimmt man mehr Zucker auf. Die Doppel-A-Menschen lieben es überhaupt, ihr Belohnungszentrum im Gehirn zu aktivieren und genießen auch öfter ein gutes Achtel Wein. Wie so häufig, klingt das alles dramatischer als es in Wirklichkeit ist. Der erhöhte Zuckerkonsum beträgt 0,2%, der erhöhte Alkoholkonsum sieben Gläser im Jahr.

Waist to hip-Ratio

Vom Bodymassindex habe ich Ihnen schon des öfteren erzählt. Er beschreibt das Verhältnis von Körpergewicht zu Körperoberfläche und wird von der WHO zur Einteilung in unter-, normal oder übergewichtig herangezogen. Hier wird die Körperzusammensetzung nicht berücksichtigt, sodass Kraftsportler mit einer hohen Muskelmasse und dadurch bedingt hohem Körpergewicht häufig als krankhaft adipös eingestuft werden. Dies wurde diese Woche im Radio als die Neuigkeit schlechthin verkündet. Zusammen mit der Information, dass es eine neue Klassifikation gibt, bei welcher das Verhältnis von Hüfte zu Taille gemessen wird.

Bauchfett gefährlich

Diese sogenannte Waist to hip-Ratio wird in der Inneren Medizin seit Jahrzehnten verwendet, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu beurteilen. Eine WHR über 1,0 bei Männern beziehungsweise über 0,85 bei Frauen weist auf erhöhtes Bauchfett hin, welches stoffwechselaktiv und somit „gefährlicher“ ist.

Weit moderner und gegendeter ist die sogenannte Waist to height-Ratio, wo Taillenumfang und Körpergröße in Verhältnis zueinander gesetzt werden. Hier kann die Körperzusammensetzung ohne technische Geräte relativ gut abgeschätzt werden. Für unter Vierzigjährige gilt ein Wert über 0,5 als kritisch, ab dem 50. Geburtstag dürfen es 0,1 Prozentpunkte mehr sein.

Sie sehen, wir werden vermessen und zerlegen uns in alle Einzelteile, um das Leben zu verstehen. Das ist zu einem großen Teil gut so, weil wir mit vielen Informationen natürlich auch unsere Gesundheit positiv beeinflussen können. Trotzdem möchte ich Ihnen bis zur nächsten Woche ein Zitat von Sören Kierkegaard mitgeben und viel technologiefreien Spaß wünschen: Das Leben kann nur rückblickend verstanden werden, aber es muss vorwärts gelebt werden!