Manuela Macedonia forscht an der JKU in Linz

© Sabine Kneidinger

Chronik Oberösterreich
03/21/2020

„Bewegung ist gerade jetzt so wichtig“

Neurowissenschafterin Manuela Macedonia erklärt, warum wir uns nicht gehen lassen sollen und was Bewegung im Gehirn bewirkt.

von Claudia Stelzel-Pröll

Endlos vor dem Fernseher herumlümmeln, nicht aus dem Pyjama finden, sich zu oft mit Süßem belohnen und all das Essen verkochen, das in den vergangenen Woche gehamstert wurde: „Die Menschen haben in der aktuellen Situation Angst. Sie bekommen depressive Verstimmungen oder sogar echte Depressionen. Und wir denken, dass wir uns etwas Gutes tun, wenn wir uns mit Essen belohnen. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall“, sagt die renommierte Neurowissenschaftlerin Manuela Macedonia, die an der JKU in Linz am Institut für „Information Engineering“ tätig ist. Nach „Beweg dich!“ ist kürzlich ihr zweites Buch „Runter vom Sofa“ erschienen.

Stress abbauen

„Dabei wäre Bewegung gerade jetzt so wichtig, um Cortisol, das Stresshormon, abzubauen. Sonst entwickelt sich die aktuelle Situation für alle, die jetzt daheim bleiben, auch gesundheitlich in eine negative Richtung“, warnt die Expertin. Vor allem der Rücken werde vom vielen Sitzen stark beansprucht, auf den gelte es jetzt besonders aufzupassen: „Es gibt viele Angebote für Rückengymnastik, online und als Apps, die nehme ich auch persönlich in Anspruch“, verrät Manuela Macedonia.

„Wir haben aktuell natürlich einen eingeschränkten Radius, in dem wir uns bewegen können. Aber wir dürfen nach draußen und ich würde den Menschen wirklich täglich eine Runde Walken oder Spazierengehen ans Herz legen: Durch das Sonnenlicht wird die Ausschüttung des Hormons Serotonin begünstigt. Dieser Stoff hält uns in Balance und ist quasi ein natürliches Antidepressivum.“

Macedonia lebt in der Isolation nach einen strukturiertem Tagesplan: „Das ist so wichtig. In diesen Plan trage ich täglich ein, was ich wann vorhabe. Also walken, kochen, arbeiten, Gymnastik und am Abend mache ich immer eine Zuversichts-Medidation. Wer seinen Tag so strukturiert, findet Halt und lässt sich nicht so schnell gehen.“

Depressionen vorbeugen

Was Bewegung betrifft, gelte das Motto: Alles ist besser als nichts. Die Wissenschafterin erklärt, was im Gehirn passiert, wenn wir uns bewegen: „Muskelarbeit macht das Stresshormon Cortisol unschädlich. Wir befinden uns aktuell unter Dauerstress aufgrund der außergewöhnlichen Situation. Das Cortisol wird in der Nebenniere ausgeschüttet und wandert von dort durch den Körper zum Gehirn. Wenn wir unsere Muskeln aktivieren, kann das Hormon nicht mehr die Schranke zum Gehirn passieren. Konkret: Depressionen wird vorgebeugt.“

Gegen den "inneren Schweinehund"

Auch abseits der Coronakrise ist Manuela Macedonia von der positiven Wirkung von Bewegung auf das menschliche Gehirn überzeugt. Seit Jahren forscht und publiziert sie auf diesem Gebiet. Immer im Kampf gegen den inneren Schweinehund: „Dabei handelt es sich, populärwissenschaftlich erklärt, um den fehlenden Willen etwas zu tun, was gut für uns wäre. Weil wir es verlernt haben, in den Ritualen unseren Alltags Bewegung als fixen Bestandteil einzubauen.“ Idealerweise werden diese Muster bereits in der Kindheit aufgebaut, weil das Gehirn da am aufnahmefähigsten ist.

Gehirn verfällt

„Wir müssen es uns wissenschaftlich vergegenwärtigen, was es für unser Gehirn bedeutet, wenn wir uns nicht bewegen. Das Gehirn kann verfallen, das beginnt ab 40 Jahren. Meine persönliche Motivation für Sport und Bewegung ist, dass ich im Alter nicht dement werden möchte. Ich laufe also nicht für meine Figur, sondern für mein Gehirn. Genau das muss man den Menschen klarmachen: Was passiert mit euch in der Zukunft, wenn ihr euch nicht bewegt?“

In kleinen Schritten

Positiv formuliert: Was passiert, wenn wir uns bewegen? „Bewegung greift auf das gesamte System Gehirn ein. Wir können besser denken, besser lenken, degenerative Prozesse werden verzögert oder sogar verhindert.“ Für Einsteiger reiche es, eine Stunde täglich guten Schrittes spazieren zu gehen. Macedonia beruhigt: „Der Anfang kann langsam erfolgen. Aber Hauptsache, er passiert. Wir brauchen diesen liebevollen, achtsamen Umgang mit unserem Körper einfach.“

www.macedonia.at

Raus aus der Komfortzone

Ihr erstes Werk schlug voll ein: In „Beweg Dich! Und dein Gehirn sagt Danke“ erklärt die Neurowissenschafterin Manuela Macedonia wissenschaftlich fundiert, leicht verständlich und witzig formuliert, warum es Sinn macht, dass wir uns bewegen. Wie können wir Stresssymptomen, Übergewicht, Depression und Demenzerkrankungen vorbeugen  und  welchen Einfluss hat unsere  Ernährung auf unsere Denkleistung?
In Macedonias zweitem Buch, das erst kürzlich herausgekommen ist, wird es konkret. „Runter vom Sofa. Die 365-Tage-Challenge“ ist ein Tagebuch, das durch ein ganzes Jahr begleitet und motivieren soll, in Schwung zu kommen: Zwölf Monate und zwölf Gründe, um unsere Komfortzone – das Sofa – zu verlassen und regelmäßig Bewegung zu machen. Erfolgserlebnisse können übersichtlich notiert werden, alles mit einem Ziel: Das Gedächtnis stärken,  sich vor Demenz schützen.
Beide Bücher sind im Brandstätter Verlag erschienen.