Das Kraftwerk Steyrdurchbruch versorgt die Gemeinden Molln, Kirchdorf, Sierning und Klaus mit Energie

© Josef Leitner

Chronik Oberösterreich
06/10/2019

Auf der Spur von Marlen Haushofer

Die Schriftstellerin beschrieb im Rom „Die Wand“ die Welt eines isolierten Lebens im Wald.

Wer den Roman "Die Wand" der oberösterreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer gelesen hat, wird mit Interesse den Ort besuchen, der die Dichterin zu ihrem großartigen Werk inspiriert hat. Ausgangspunkt dieser Erkundung ist ebenfalls eine Wand. Diese ist allerdings sehr reell und existiert bereits seit 1908. Es ist die Mauer, die das Wasser der Steyr beim Steyrdurchbruch für ein Kraftwerk aufstaute, heute ein im Jugendstil-Architektur errichtetes Industriedenkmal.

Wallfahrtskirche

Mit dem eBike gleiten wir entlang der Steyr und erreichen in Kürze die Ortschaft Frauenstein (Gem. Molln). Die Wallfahrtskirche auf dem 502 m hohen Hügel birgt einen der bedeutendsten Kunstschätze Oberösterreichs, der auf Kaiser Maximilian I. zurückgeht. Der emeritierte Hochschulprofessor Willibald Girkinger ist Mitautor eines Bildbandes „Die Steyr – Landschaft und Menschen am Fluss“ und kennt die Geschichte: „Der Legende nach soll der Kaiser am Dreifaltigkeitstag des Jahres 1489 vor der holländischen Küste in Seenot geraten sein. Zum Dank für seine Errettung gelobte er, eine Schutzmantelmadonna zu stiften.“ Diese zog seit Jahrhunderten zahlreiche Pilger an. Auch heute ist die Kirche voller Pilger, die aus dem Mühlviertel angereist sind. Eine der Figuren unter dem Mantel der Madonna ist der Stifter Maximilian selbst.

Der weitere Weg führt an der nahen Volksschule vorbei, in der Marlen Haushofer ihre Schulzeit verbrachte. Über hügelige Wiesen mit alten Obstbäumen gelangen wir in das Effertsbachtal. Es ist dies ein enges Seitental der Steyr, in dem sich im Winter die Sonne kaum blicken lässt. Jetzt ist es frühsommerlich heiter und voll von üppigem Grün. Rasch erreichen wir das Forsthaus, in dem die Dichterin geboren ist und ihre Kindheit verbracht hat. Ihr Vater war Oberförster beim Grafen Lamberg. Mit ihm war sie als Kind häufig im einsamen Tal unterwegs. Architektonisch unverändert scheint es noch immer in einem ähnlichen Zustand wie vor hundert Jahren zu sein.

Wir begeben uns jedoch noch etliche Wanderkilometer auf einer Forststraße taleinwärts, bis wir im Gebiet „Brauneben“ auf die sogenannten „Lackenhütte“, den Originalschauplatz des Romans, gelangen.

Glaswand

Im Roman ist diese Jagdhütte plötzlich von einer undurchdringlichen Glaswand von der Außenwelt abgeschlossen. „Durch die Wand wurde ich gezwungen, ein ganz neues Leben zu beginnen“, schrieb Haushofer. Dieser Ort lässt geradezu existenzielle Fragen auftauchen: Wie oft glauben wir, vor einer Wand zu stehen, ohne zu wissen, ob wir sie überwinden können? Wo bauen wir fiktive Grenzen auf? Unsichtbare Wände trennen auch heute oft die Menschen.

Gämsen im Fels

Diese Gedanken begleiten uns noch bis zum Ende des Tals. Wir befinden uns bereits auf über 1000 m Höhe und blicken plötzlich wieder auf eine sehr reale Wand. Es ist dies der Steilabbruch der Anstandmauer. Schroff, abweisend und voller Baumstrünke von den winterlichen Lawinenabgängen, verhindert sie jegliches Weitergehen. Nur mehrere Gämsen scheinen in den steilen Felsabbrüchen die Einsamkeit dieses Talschlusses zu genießen.

Es ist anzunehmen, dass die Autorin bei ihren vielen Wanderungen auch von diesem markanten Naturschauspiel beeindruckt war. So beenden wir das Eintauchen in einen besonderen Schauplatz der Literatur.

Autor: Josef Leitner