© REUTERS/ARND WIEGMANN

Chronik Oberösterreich
05/17/2020

Alles andere als normal in der Schule

Kleine Gruppen, Maske am Gang, viel aufzuholen. Alle warten gespannt darauf, wie der Schulstart in Etappen funktionieren wird

von Claudia Stelzel-Pröll

Es sind 120.000 Schülerinnen und Schüler alleine in Oberösterreich, die in den kommenden Tagen wieder zurück in ihre Klassenzimmer kommen. „Der Start der MaturantInnen und BerufsschülerInnen hat hervorragend funktioniert. Wir stellen uns darauf ein, dass es ab Montag ein bisschen schwieriger werden wird, vertrauen aber auf die gute Vorbereitung und das Improvisationsvermögen der Pädagoginnen und Pädagogen. Denn in jeder Schule werden die Herausforderungen anders gelagert sein“, sagt der Bildungsdirektor des Landes OÖ, Alfred Klampfer.

Stoff wiederholen

Im Unterricht sei es jetzt vor allem wichtig, die vergangenen Wochen zu thematisieren und zu schauen, auf welchem Wissensstand die Kinder sind, sprich es gehe auch darum den Lehrstoff zu wiederholen und zu vertiefen. Bei normalem Unterricht in der Klasse sei die Maske keine Pflicht für die Lehrperson, außer der Mindestabstand von einem Meter könne nicht eingehalten werden, so Klampfer. In Oberösterreich haben die Feuerwehren diese Woche Mund-Nasen-Schutzmasken an alle Pflichtschulen verteilt. Das Land hat für alle Lehrer an „seinen“ Schulen 30.000 waschbare Masken bestellt, als „Reserve“ für Schüler kommen noch 180.000 Einweg-Modelle hinzu.

Das größte Problem der kommenden Wochen sieht Helmut Hodanek, Obmann der Elternvereine in OÖ, in der Betreuung der Kinder daheim – und zwar an jenen Tagen, an denen sie nicht in der Schule unterrichtet werden: „Viele Eltern haben bereits ihren gesamten Urlaub aufgebraucht, zu den Großeltern soll man die Kinder nicht schicken. Das wird wirklich problematisch werden.“

Eine weitere Hürde der Vergangenheit und der Zukunft sei die fehlende Digitalisierung: „Jeder fünfte in OÖ hat keinen bzw. nur eingeschränkten Zugang zum Internet. Da war und ist das Homeschooling für viele Eltern und Kinder kaum machbar.“ Die Corona-Pandemie habe gezeigt, wie wichtig es sei, dass alle Kinder gleichwertig digital versorgt seien. Auch die Schulbusse in ländlichen Gegenden könnten ein Thema werden: „Wenn so ein Bus voll ist – und das ist er mit den aktuellen Abstandsregeln sehr schnell –, dann ist er voll. Wie kommen dann jene Kinder, die keinen Platz bekommen haben, in die Schule?“, fragt sich Hodanek. Derzeit läuft noch eine Umfrage der Elternvereine unter Eltern (https://www.umfrageonline.com/s/Volksschulen oder https://www.umfrageonline.com/s/Mittelstufe), die Ergebnisse sollen Bildungsminister Heinz Faßmann bei der nächsten Gesprächsrunde vorgelegt werden.

Positive Momente

„Die letzten Wochen war sehr herausfordernd, niemand konnte mit so einer Situation rechnen“, sagt Bildungsdirektor Alfred Klampfer, „aber es gab auch viele positive Momente und ich bin sehr stolz auf das, was alle LehrerInnen und DirektorInnen in Oberösterreich geleistet haben.“

Rückkehr in den Alltag: "Ambivalenzen aushalten"

Für niemanden waren die vergangenen sechs Wochen wahrscheinlich nur negativ oder  nur positiv. Ab morgen wird wieder vieles anders sein, wenn die Schulen schrittweise aufsperren.
„In den vergangenen Wochen war sicher dieses Wechselbad der Gefühle, das viele Familien erlebt haben, eine große Herausforderung. Von wunderschönen Momenten bis hin zu Zeiten, die kaum auszuhalten waren, ist da alles dabei gewesen.“

Unsicherheit bleibt
Richard Schneebauer ist Soziologe und stellvertretender Leiter des Zentrums für Familientherapie und Männerberatung des Landes OÖ. Im KURIER-Gespräch erklärt er, wie die stufenweise Rückkehr in den Alltag gelingen kann.
„Es wird weiterhin eine Unsicherheit bleiben und es haut uns nach wie vor zwischen zwei Gefühlsextremen hin und her. Viele Familien haben sich an die Zeit miteinander gewöhnt und sind nervös, ob die Trennung gut funktionieren wird, sehnen sie aber gleichzeitig auch schon herbei.“ Es werde sich am Anfang nach Distanz anfühlen, aber dieses Loslassen müsse man wieder lernen. Diese Ambivalenzen müsse man akzeptieren und aushalten.

Gutes erhalten
„Es kann auch helfen, wenn sich Familien überlegen, was man in dieser gemeinsamen Zeit genossen hat und was man beibehalten möchte. Das kann das gemeinsame Tischtennis-Match genauso sein wie ein gemeinsames Essen pro Tag am Familientisch oder die Runde Brettspiele am Abend sein.“
Der Rhythmus für den Alltag müsse jetzt wieder neu gefunden werden, sagt Schneebauer. „Wir haben es geschafft, uns auf Distance Learning und Abstand halten zu gewöhnen, dann schaffen wir diesen nächsten Schritt bestimmt auch.“

Reden und zuhören
Wie könne man Kinder am besten auf die neue Situation in Schule und Kindergarten vorbereiten? „Mit ihnen reden, ihnen erklären, was anders sein wird und vor allem darauf vertrauen, dass sie gut damit umgehen werden können“, rät Experte Schneebauer. „Und als Eltern da sein, wenn sie über ihre Erlebnisse sprechen wollen.“

www.zentrum-fm.at 

Ab 18. Mai: Die Eckpunkte der Öffnung

  • Verdünnung Um die Anzahl der Schülerinnen und Schüler in den Klassen und dadurch das Infektionsrisiko zu reduzieren, wird ein Schichtsystem  umgesetzt. Alle Klassen werden  in gleich große Gruppen geteilt werden. Das Bildungsministerium empfiehlt das Modell von zwei Blöcken (wochenweise abwechselnd Mo., Di.,  Mi. bzw. Do. und Fr.), schulautonom sind  aber auch andere Varianten möglich. Schülerinnen und Schüler, die keinen Unterricht haben und deren Betreuung zu Hause nicht sichergestellt ist, sollen die Betreuung in der Schule in Anspruch nehmen.
  • Schutz und Hygiene In den Schulen wird die Einhaltung der  Hygieneauflagen gewährleistet. 
  • Leistungsbeurteilung Falls Eltern/Erziehungsberechtigte ihr Kind aus Sorge um dessen Gesundheit dennoch  nicht in die Schule schicken wollen, gilt es als entschuldigt. Der  Lernstoff soll dann von zu Hause aus bearbeitet werden. Ab der Rückkehr in den Schulbetrieb soll der Fokus auf der Gestaltung des Abschlusses und der  Vorbereitung auf die nächste Schulstufe liegen. VolksschülerInnen können – unabhängig von der Schulstufe – mit einem Nicht genügend   aufsteigen.