Wrestling-Boom: Warum der Sieg beim Catchen zweitrangig ist

Wrestling erlebt seit einigen Jahren ein Comeback. Catcher Alexander Berkner erzählt, wie die Schaukämpfe begeistern und warum der Sieg nicht an erster Stelle steht.
Zwei Wrestler kämpfen im Ring, einer hebt den anderen in einem kraftvollen Wurf hoch.

Es sieht nicht gut aus für Alex Berkner. Zwei Sekunden liegt er schon auf den Schultern, der Schiedsrichter zählt. Kurz vor „Drei“ reißt Berkner den Rücken hoch – gerade noch rechtzeitig. Ein Raunen geht durch den Kremser Stadtsaal. Sein Gegner Michal Fux rammt wütend die Faust in den Boden, schreit den Schiedsrichter an. Gleichzeitig erklingt vereinzelt Berkners Namen, ein Versuch seiner Fans, den 36-Jährigen anzuspornen.

Zeit zum Durchatmen bleibt Berkner nicht. Fux packt ihn bereits am Nacken. Ein Schlag auf den Kopf. Noch einer. Ein Letzter, dann der Schwitzkasten. Fux steht breitbeinig im Ring, siegessicher. Er legt sich den Arm seines benommenen Gegners über die Schulter, bereit für sein finales Manöver. Doch da greift Berkner seine Hose, hakt ein Bein unter und lässt sich fallen. Fux kippt über ihn hinweg, wird auf den Boden gepinnt, seine Füße strampeln in der Luft. Der Schiedsrichter schlägt auf die Matte, das Publikum wartet ab. Einmal. Zweimal. Dreimal. Jubel bricht aus. Berkner wirft sich in eine Siegerpose.

Kein Kampf um Leben und Tod

Dass er an diesem Abend gewinnen würde, wusste er vermutlich schon vorher. Denn Wrestling folgt einer eigenen Logik. Und was das etwa 330-köpfige Publikum stundenlang beobachtet, ist kein Kampf auf Leben und Tod, sondern eine sorgfältig einstudierte Stunt-Choreografie voller Pathos und Energie.

Mehrere Wrestler kämpfen in einem Ring in einer gut besuchten Halle mit rot beleuchteter Decke.

Der Schaukampf zieht wieder mehr Zuschauer an – auch in Krems.

Entertainment

Berkners Begeisterung für das Catchen entstand nicht, wie in der Szene üblich, bereits in der Kindheit. Der gebürtige Gänserndorfer fand vom Boxen über das Ringen zufällig zum Wrestling. Über einige Ecken traf und trainierte er schließlich mit Michael Kovac, Veteran der Branche und einer der erfolgreichsten österreichischen Catcher.

„Bei uns geht es immer um den Unterhaltungsfaktor, das Spektakuläre“, erklärt Berkner die Faszination fürs Wrestling. Wer gewinnt, sei bei diesem „Mischwesen aus Sport und Theater“ zweitrangig. Anfänger besprechen den Sieg vorab, in Profirängen orientieren sich die Catcher am Publikum. Obwohl es sich um keinen echten Kampf handelt, bleibt ein „kalkuliertes Verletzungsrisiko“. „Man kommt nicht darum, herum zu fallen, in die Seile zu laufen, Schläge zu kassieren – auch wenn sie nicht mit voller Wucht ausgeführt werden“, sagt Berkner. Umso wichtiger sei intensives Training und Vertrauen gegenüber des Gegners.

Gut gegen Böse

Den Kämpfen liegt die klassische Geschichte von Gut gegen Böse zugrunde. Berkner ist, was im Fachjargon „Face“ genannt wird – er zählt also zu den Guten. Ihm steht meist im Ring ein „Heel“, also ein Bösewicht gegenüber. Die Bezeichnungen seien Relikte einer Art Geheimsprache, die entstand, als noch nicht bekannt war, dass die Kämpfe eigentlich Show sind. Welche Rolle man spielt, hängt oft vom Publikum, der eigenen Persönlichkeit und nicht zuletzt von der Optik ab. „Der gängige Spruch ist: Du bist du selbst, nur lauter“, sagt Berkner. Beide Rollen hätten ihre Vorzüge und seien zudem nicht in Stein gemeißelt.

Drei Wrestler führen einen spektakulären Move im Ring vor Publikum aus, einer wird kopfüber hochgehoben.

Die Stunts setzten laut Berkner (li.) Vertrauen zwischen den Wrestlern voraus.

Die Handlung im Ring ist häufig kampfübergreifend, jahrelange Fehden sind bei großen Veranstaltern, wie World Wrestling Entertainment (WWE) oder All Elite Wrestling (AEW), keine Seltenheit. In der Independent Szene, zu der Berkner gehört, sind fortlaufende Geschichten schwierig zu erzählen – Stammfans und Events gibt es dafür noch zu wenige. Dennoch könne man gewisse Konflikte aufwärmen und geschlossene Geschichten innerhalb der Veranstaltung erzählen.

Die Zukunftsvision: ein regelmäßiges Format, online oder im Fernsehen. Das Klima dafür scheint günstig. Seit der Pandemie erlebt der Showsport laut Berkner „einen regelrechten Boom“, auch in Österreich. Überrascht ist er davon nicht. „Es passt halt, weil es etwas Operettenhaftes hat.“ Eine Mischung aus Drama, Überzeichnung und Emotion – Eigenschaften, die auch ihn immer wieder in den Ring treiben. Und wohl so schnell nicht wieder hinaus.

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