Chronik | Niederösterreich
20.06.2018

Familie mit schwerbehindertem Bub nach Georgien abgeschoben

Unterstützer und Familie hatten auf Bleiberecht gehofft. Ärzte sehen Kindeswohl als gefährdet an.

Die zwölf Beamten kamen am Dienstag um 7.30 Uhr Früh und holten den mehrfachbehinderten Ilia und seine Familie M. ab. Ein Notarztwagen brachte den Sechsjährigen, seinen kleinen Bruder und die Eltern laut Unterstützern zum Flughafen. Dort wartete bereits ein norwegischer Ambulanzjet, der die M.'s nach Georgien brachte.

Die Abschiebung der Familie aus dem Raum Herzogenburg sorgt in NÖ für Aufregung und Entsetzen. Zwar ist ihr Asylantrag rechtskräftig negativ beschieden worden, doch die Familie hatte Antrag auf humanitäres Bleiberecht gestellt. Zudem hatten behandelnden Ärzte von Ilia bis zuletzt von einem Transport des Kindes, das an schwerer Epilepsie sowie spastischen Lähmungen leidet, abgeraten.

„Wir waren gestern alle unter Schock“,  sagt der St. Pöltner Unternehmer Kurt Berger, der die Familie seit Jahren unterstützt. „Wir dachten alle, dass sie Bleiberecht bekommen.“

2015 war die Familie M. mit ihren zwei Kindern nach Österreich gekommen, laut Berger stellten sie einen Asylantrag wegen politischer Verfolgung. Die M.’s integrierten sich rasch. Vater Konstantin machte den Führerschein und hatte als IT-Techniker einen Job in Bergers Firma in Aussicht. Mutter Maja hätte dort ebenfalls eine Anstellung als Übersetzerin gefunden. Auch Ilias Zustand verbesserte sich. Der Sechsjähriger leidet nicht nur an schwerer Epilepsie, die eine genaue Medikation erfordert, er ist auch auf den Rollstuhl angewiesen, kann den Kopf nicht selbstständig halten und braucht ein Stützmieder. Aufgrund seiner Erkrankung kommt es zu einer fortschreitenden Deformierung der Gelenke, es droht die Ausrenkung seines Hüftgelenks und damit einhergehend dauerhaft starke Schmerzen. Im Herbst hätte der Bub deswegen einen Operationstermin gehabt.

"Dabei gab es bei der Behandlung schon Erfolge", erzählt Berger. "Also ein Erfolg ist, dass er wieder lacht". Zuletzt war Ilia dank Spenden vier Mal pro Woche im Ambulatorium und Förderzentrum St. Leonhard/Forst in Therapie.

Dabei hatten Berger und die Familie gehofft, dass das Bleiberecht rechtzeitig gewährt wird. Die Behörde wollte Pässe und Unterlagen von den M.'s haben, sagt ihr Anwalt Michael Hofbauer. Das Förderzentrum St. Leonhard setzte sich beim Land für einen Verbleib Ilias aus Sicht des Kindeswohls ein. Auch ein weiterer Facharzt sprach in einer Stellungnahme davon, dass die notwendige Behandlung im Heimatland mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht möglich sein wird.

Therapeuten hatten den Buben wegen der Gefahr epileptischer Anfälle als nicht flugtauglich eingestuft, ein Amtsarzt entschied laut Freunden am Dienstag aber anders. „Es ist arg, dass der Staat, das Risiko eingeht, den Buben in einen Flieger zu setzen“, sagt Berger. Nun bangen die Freunde mit der Familie, denn ohne adäquate Behandlung drohen dem Buben Schmerzen. "Die Familie ist verzweifelt", erzählt Berger, der mit ihnen bereits telefonieren konnte. Der Unternehmer will nicht aufgeben und dafür kämpfen, dass die M.'s zurück kommen können.

Laut Anwalt Hofbauer ist die Geschichte von Ilia, der als Schwerstbehinderter abgeschoben wurde, kein Einzelfall, es werde seitens der Politik immer rigoroser vorgegangen. Auch Menschen, die seit vielen Jahren im Land leben, Jobs haben und integriert seien, stünden nun vor Abschiebungen.

Im Innenministerium heißt es, dass Einzelfälle nicht kommentiert werden. Generell werde aber seitens des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl sehr genau geprüft, ob in den Heimatländern der Asylwerber adäquate Behandlungsmöglichkeiten bestehen und ob eine Abschiebung aus gesundheitlichen Gründen möglich ist.