Chronik | Niederösterreich
13.05.2018

Angst nach Schuss auf Schüler: „Wollen Sicherheit vermitteln“

Hilfestellung: Krisenintervention ist nach traumatischen Ereignissen wie zuletzt in Mistelbach besonders wichtig

Den vergangenen Mittwoch werden die Schüler und Lehrer des Bundesschulzentrums Mistelbach nicht so schnell vergessen: Ein 19-jähriger Schüler des BORG Mistelbach wird mit einer Schrotflinte angeschossen. Der mutmaßliche Täter, ein 18-jähriger Grundwehrdiener, soll in einer Art Manifest erklärt haben, dass er auch einen Amoklauf geplant hat.

Für Opfer, Schüler, Lehrer und Eltern ist dieser Vorfall eine enorme Stresssituation. Gerade weil man in Österreich bisher von Amokläufen, wie man sie aus den USA kennt, verschont geblieben ist. Um die ersten Stunden nach der Tat zu überstehen, braucht das Umfeld akute psychologische Betreuung. Dafür gibt es die Kriseninterventionsteams. „Wir werden bei Bedarf kontaktiert und rücken aus, um den Betroffenen eine erste psychologische Betreuung zu bieten“, erklärt Sandra Pitzl vom Akutteam NÖ. Die Organisation ist ein Verbund von Fachkräften und wird vom Land Niederösterreich finanziert.

Auch am vergangenen Mittwoch waren bald nach der Tat Psychologen vor Ort, um den Betroffenen zu helfen. Aber Mistelbach war sogar für das Akutteam ein Sonderfall, wie Pitzl erzählt: „Das ist keine alltägliche Situation. Solche Taten kennt man in Österreich fast nicht. Aber wir haben gut ausgebildete Fachkräfte, die auch mit solchen Situationen gut umgehen können.“

Die Arbeit der Kriseninterventionsteams sieht dabei grundsätzlich immer gleich aus. Bereits am Telefon werden Fragen gestellt, um das Ausmaß festzustellen. Danach sind ein oder mehrere Kräfte vor Ort, um den Betroffenen schnell helfen zu können. „Wir suchen dann das Gespräch und wollen vor allem Sicherheit vermitteln. Es geht auch darum, dass die Betroffenen einen Überblick über die Situation bekommen und sich beruhigen.“

Gerade bei einer Tat wie in Mistelbach, wo der Täter flüchtig war, ist das Thema Sicherheit sehr wichtig, wie Pitzl betont: „Im Gehirn rotieren die Gedanken, und wenn dann von außen scheinbar immer noch Gefahr droht, ist die Krisenintervention enorm wichtig.“

Freiwillige

Neben dem Akutteam des Landes NÖ ist auch das Rote Kreuz mit der Krisenintervention beschäftigt. Der Unterschied liegt dabei aber im Personal. Beim Roten Kreuz sind ausschließlich freiwillige Helfer tätig. „Die sogenannten Laien werden in einem Kurs für die Krisenintervention ausgebildet“, erklärt Rotes-Kreuz-Chefpsychologe Cornel Binder-Krieglstein.

Die Auswahlkriterien sind umfangreich. Neben einer Vorauswahl und dem Kurs selbst müssen die Interessenten eine Prüfung ablegen und sich danach einige Monate bis ein Jahr lang weiterbilden. Die Kosten dafür übernimmt das Rote Kreuz. „Es ist eine Win-win-Situation. Die Freiwilligen bekommen die Ausbildung bezahlt, sollen dann aber auch eine gewisse Zeit aktiv sein.“

Was viele nicht wissen: Jeder Interessierte kann sich für das Kriseninterventionsteam anmelden. „Wir sind auf die Hilfe der Freiwilligen angewiesen. Wer also Interesse und Zeit dafür hat, kann sich beim Roten Kreuz bewerben“, erklärt Binder-Krieglstein. Wie wichtig das Kriseninterventionsteam ist, sieht man nicht nur bei ihren Einsätzen nach Autounfällen oder alltäglichen Situationen. Die Direktoren der Mistelbacher Schulen sind dankbar für die akute Hilfe für ihre Schüler.

Tage danach

Ein Aspekt, der bei der Krisenintervention oft vergessen wird: Betroffene würden manchmal erst Tage später Hilfe brauchen. Hier setzt das Kriseninterventionszentrum Wien an. Neben der Akutversorgung nach traumatischen Erlebnissen ist das Team des stellvertretenden Geschäftsführers Thomas Kapitany aber auch oft erst einige Tage danach im Einsatz: „Klienten können sich bei uns kostenlos einen Termin ausmachen oder sogar per Telefon oder neuerdings auch per eMail Hilfe bekommen.“

Letzteres ist vor allem bei Männern sehr beliebt, wie Kapitany erklärt. Denn das vermeintlich stärkere Geschlecht hat oft große Probleme, über Emotionen zu sprechen, weiß der Experte: „Damit wir auch Männern helfen können, brauchen wir ein System, welches eine niedrige Hemmschwelle hat. Und da hat sich der Kontakt per eMail als besonders hilfreich erwiesen.“