Chronik | Niederösterreich
26.07.2018

70-Jährige in Neunkirchen erstochen: Mann vor Gericht

Der Angeklagte soll der Pensionistin insgesamt 35 Stiche in den Kopf, Hals- und Nackenbereich sowie den Oberkörper zufügt haben.

Am Landesgericht Wiener Neustadt hat am Donnerstag ein Mordprozess gegen einen 59-Jährigen begonnen. Der Niederösterreicher soll eine 70-Jährige in deren Wohnung in Neunkirchen mit 35 Messerstichen getötet haben, das Opfer wurde am 11. Oktober des Vorjahres von einer Bekannten leblos aufgefunden. Der Angeklagte bekannte sich nicht schuldig. Ein Urteil wird für 25. September erwartet.

Laut Anklage soll der Mann der 70-Jährigen insgesamt 35 Stiche gegen den Kopf, Hals-/Nackenbereich und Oberkörper zugefügt haben, von denen sieben die Lunge und davon zwei auch das Herz durchdrangen. Zudem warf ihm die Staatsanwaltschaft falsche Beweisaussage vor, weil er heuer am 4. April bei einer Zeugeneinvernahme durch Kriminalbeamte behauptet haben soll, er habe von dem Mord erst durch ein Telefonat erfahren und sei noch nie in der Wohnung des Opfers gewesen. Ein Vergleich von DNA-Spuren am Tatort hatte zum 59-Jährigen geführt. Der geschiedene Frühpensionist soll eine On-Off-Beziehung zu einer Bewohnerin der Wohnhausanlage, in der die 70-Jährige lebte, gehabt haben.

Verteidiger Michael Dohr betonte, sein Mandant sei nicht der Täter, er beantragte einen Freispruch. Der Rechtsanwalt sah "Pannen" in den Ermittlungen. So könne etwa der von der Staatsanwaltschaft auf Basis einer Zeugenaussage und im Magen des Opfers gefundenen Essensresten angenommene Tatzeitpunkt am 8. Oktober 2017 gegen 12.30 Uhr nicht stimmen, denn eine Frau habe das Opfer am Tag darauf noch gesehen. Zudem passt laut dem Rechtsvertreter das Bewegungsprofil nicht mit den Vorwürfen zusammen - das Handy des 59-Jährigen sei am 8. Oktober erst ab 12.55 Uhr am Tatort eingeloggt gewesen.

Ein Motiv des Angeklagten gebe es nicht, so der Verteidiger. Ein Täter, der jemanden mit 35 Messerstichen töte, müsse Hass empfinden, der nur bei einer Beziehung zum Opfer da sein könne. Sein Mandant habe nicht einmal die Telefonnummer der Pensionistin gehabt - "wieso sollte er sie massakrieren?", meinte der Rechtsanwalt. Außerdem seien am Tatort DNA-Spuren einer weiteren männlichen, unbekannten Person gefunden worden.

Zur u.a. auf der Leiche der 70-Jährigen gefundenen DNA des 59-Jährigen sagte der Verteidiger, sein Mandant habe beim Hinausgehen aus dem Haus bemerkt, dass die Wohnungstür der Pensionistin im Parterre offen gewesen sei. "Das ist mir komisch vorgekommen", berichtete der Angeklagte selbst, daraufhin sei er reingegangen und habe mit dem Ellbogen die Eingangs- sowie die Glastür aufgemacht. Er berichtete, die Pensionistin kniend gefunden, mehrmals ihren Vornamen gesagt und sie aufgezerrt zu haben. Dann positionierte er die blutüberströmte Leiche laut Aussage wieder so, wie er sie gefunden hatte. Das demonstrierte er anhand einer Puppe. Es sei "fürchterlich" gewesen, "ich habe Panik bekommen".

Hände voller Blut

Da seine Hände voller Blut gewesen seien, stieg der 59-Jährige laut seinen Angaben über die Leiche und wusch sich die Hände. Dazu habe er ein Häferl, das dort stand, weggestellt - auch darauf wurde seine DNA gefunden. Mit einem Putzschwamm habe er anschließend das Blut vom Wasserhahn weggewischt und sich rund eine Minute lang hingesetzt, bevor er aus der Wohnung flüchtete. Zuvor habe er die Geldbörse der 70-Jährigen aufgehoben - auch auf der Brieftasche wurden DNA-Spuren des 59-Jährigen gefunden.

Sein Mandant habe freiwillig einem DNA-Abstrich zugestimmt, hielt der Rechtsanwalt fest. Der 59-Jährige leide an einer Depression, sagte sein Verteidiger. Er verwies auf ein Gutachten, wonach der Angeklagte eine Merkschwäche und Konzentrationsstörung habe. Geisteskrank sei der Mann nicht.

Der Angeklagte hatte laut eigenen Angaben seit dem Alter von 14 Jahren immer wieder Probleme mit Drogen. Vor rund zehn Jahren wurde der dreifache Vater geschieden. Mit der nächsten Partnerin war es laut dem 59-Jährigen "Liebe auf den ersten Blick". 2015 war diese Beziehung wegen seiner starken Eifersucht zu Ende, die beiden blieben aber weiterhin in Kontakt. Mit dem Opfer habe er ab und zu etwa beim Rauchen geredet, die Frau habe sich "über alles" aufgeregt, sei aber freundlich gewesen.