© Christian Ringbauer

Literatur
03/30/2020

Katharina Tiwald: Lesungen am Telefon

Buchpremieren mussten abgesagt werden. Autorin Katharina Tiwald reagiert flexibel.

Mit ihrem RomanMacbeth Melania“ hat Katharina Tiwald erstmals den Sprung in einen größeren Verlag geschafft. „Es war ein ungewohnter Luxus für mich, ein Buch von mir bei Thalia ausliegen zu sehen“, erinnert sich die 1979 in Wiener Neustadt geborene Autorin an die Zeit vor der Coronavirus-Krise. „In diesen Genuss kam ich allerdings leider nur wenige Wochen.“ Die heutige Realität sieht tatsächlich anders aus.

Ihre Buchpremiere im Bezirksmuseum Alsergrund, eine Lesung in Oberwart, aber auch das Festival „Wortspiele“ in Wien, auf das sich Tiwald sehr gefreut hatte, wurden abgesagt. Dafür hat sie am Freitag ihre erste Telefonlesung gehalten. Auf Facebook hatte sie jenen Käufern einen Privatauftritt als Vorleserin versprochen, die ihr Buch im lokalen Buchhandel erwerben und sich bei ihr melden. Den Anfang machte eine Dame aus dem Nordburgenland mit dem Wunsch nach einer Lesung, die auch für Kinder geeignet ist.

Autorin und Lehrerin

Immerhin gibt es auch in ,Macbeth Melania‘ passende Passagen, da die Hauptfigur nicht nur den gleichen Namen wie die Autorin trägt, sondern auch den gleichen Beruf hat: Katharina Tiwald unterrichtet in Wien an einer Neuen Mittelschule. „Manche Passagen sind 1:1 aus dem Schulalltag entkommen“, schmunzelt sie. „In der derzeitigen Situation fühle ich mich gleich doppelt privilegiert im Vergleich zu vielen meiner Kolleginnen: Ich bin durch meinen Brotjob als Lehrerin abgesichert. Und ich habe keine Kinder, die ich nun während meiner Arbeit im Homeoffice beaufsichtigen muss, sondern kann mir meine Zeit frei einteilen.“

Tiwald geht weiterhin in ihre Schule. „Jemand muss da sein, falls ein Kind Betreuung braucht. Wir haben damit gerechnet, dass das bei einem Drittel der Kinder der Fall sein wird, doch derzeit kommt kein Einziges.“

Soweit sie es beurteilen könne, funktioniere das Lernen fern der Schule bei den meisten Kindern erstaunlich gut. „Ich mache mir nur Sorgen, wie es sein wird, wenn die Ausgangsbeschränkungen länger anhalten, weil ich weiß, in welch beengten Verhältnissen manche Familien leben. Da könnte auch häusliche Gewalt leider ein Thema werden.“

Ostern in der Schule

Deswegen wird sie unter jenen Freiwilligen sein, die auch über Ostern in der Schule die Stellung halten und Betreuung anbieten. Ihren Leserinnen und Lesern hat sie durch ihre Romanfigur „die Tiwald“ mit diebischem Vergnügen „ein Kippbild der Autorin“ vorgesetzt: „Ich finde es reizvoll, dass sich die Leute fragen: Ist sie's jetzt, oder ist sie's nicht?“

Stubenhockerin

Es gebe aber sehr wohl Unterschiede, so sei sie etwa nicht ganz so extrovertiert wie ihre Protagonistin, gibt sie zu: „Eigentlich bin ich eine totale Stubenhockerin. Ich bin sehr gerne allein“, sagt die heute in Wien und im Burgenland lebende Autorin, die in St. Petersburg und Glasgow Sprachwissenschaft und Russisch studierte. Dennoch gibt es da diese Liebe zum Theater, die dazu führte, dass bereits ein Jahr nach ihrem ersten Erzählband („Schnitte - Portraits - Fremde“, 2005) ihre erste Bühnenarbeit zu sehen war („Dorf.Interrupted“, im Offenen Haus Oberwart von Peter Wagner mit 15 Langzeitarbeitslosen realisiert, abrufbar auf www.peterwagner.at).

In Oberwart hat sie immer wieder eigene Stücke realisiert, zuletzt „Caruso - I did it my Wegas“ mit Sänger Tony Wegas in der Rolle des legendären Operntenors Enrico Caruso.

Tony Wegas im Roman

Tony Wegas begegnet man neben Sebastian Kurz, Reinhold Mitterlehner und vielen anderen bekannten Gestalten aus der jüngeren und gegenwärtigen heimischen Innenpolitik, auch in „Macbeth Melania“. Denn im Zentrum steht ein Theaterprojekt, eine zeitgenössische „Macbeth“-Überschreibung, bei der neben dem US-Präsidenten und seiner Gattin auch der vorletzte heimische Wahlkampf hineinspielt. „Eigentlich wollte ich ja tatsächlich dieses Stück schreiben. Eine Theateraufführung zu realisieren ist aber immer extrem aufwendig, auch finanziell. Also hab' ich mir gedacht. Diesmal mache ich es mir einfach und schreibe ein Buch darüber“, lacht Tiwald.

Ob sie selbst bereits die aktuelle Lage literarisch verarbeitet? Es gehe ihr zwar manches dazu im Kopf herum, sagt sie, vorläufig studiert sie aber einmal, was anderen früher dazu eingefallen ist. Albert Camus' „Die Pest“ hat sie gerade noch in einer Buchhandlung erstanden, bevor der große Run dazu führte, dass der 1947 erschienene Roman derzeit nicht lieferbar und nicht einmal mehr antiquarisch erhältlich ist. „Eine wunderbare Lektüre, liebevoll und zutiefst humanistisch.“

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