Stell dein Schicksal online & werde berühmt

Das Theaterstück "heimat.com" bringt das Schicksal von Amira F. und ihrer Familie im Dschungel Wien auf die Bühne.
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Im Jahr 2007 wird der langjährige Asylantrag der bestens integrierten Familie F. abgelehnt. Tochter Amira droht in ihrer Verzweiflung mit Selbstmord. "heimat.com" weist offenkundig Parallelen mit dem Fall der Familie Zogaj auf, der damals eine heftige Debatte über das Asylrecht in Österreich auslöste.

Die Inszenierung von Kevin E. Osenau im Dschungel Wien beweist trotz der Ernsthaftigkeit des Themas auch jede Menge Humor und setzt noch ein gelungenes Stück Medienkritik obendrauf. Amira (Rabea Wyrwich) hat Geburtstag. Es ist ihr fünfzehnter. An richtige Geschenke kann sie sich eigentlich nicht erinnern. Zu diesem Zeitpunkt hat ihre Mutter bereits drei Mal versucht, sich das Leben zu nehmen. Das alles erzählt sie auf YouTube mit einer Leichtigkeit, dass es einem kalt den Rücken hinunterläuft.

Auswegslosigkeit

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"Ich bin in einem Land, das mich nicht will und soll in ein Land, das ich nicht will?!" Nicht nur einmal wird dem Zuschauer an diesem Abend die Auswegslosigkeit einer Familie bewusst, die keine richtige Heimat mehr hat. Kein Zuhause, keine Freunde, kein Job, keine Zukunft! Die Kinder sprechen nicht einmal mehr die Sprache des Landes, aus dem sie flüchten mussten.

Die Medien machen aus Amira, die aus Verzweiflung per Videobotschaft mit Selbstmord droht, eine Heldin. Sie ist auf dem Cover der größten Tageszeitungen, wird als Werbemaskottchen für unterschiedliche Interessensgruppen missbraucht... solange, bis sich niemand mehr für sie interessiert. Ihre "15 Minuten Ruhm" (Anm. siehe Andy Warhol) sind abgelaufen.

Rasante Rollenwechsel

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Mareike Dagmar Dick und Oliver Vilzmann schlüpfen an diesem Abend in die unterschiedlichsten Rollen. Tragisch-komisch wirken die Szenen in denen sie als Schlager-Duo, dem untergetauchten Mädchen einen Song widmen oder als teils gelangweilte, teils bekiffte Chatter in einem Internet-Forum, den Fall der Familie F. diskutieren. Amira F. ist in aller Munde.

Dann wieder sorgen sie als ZiB-Moderatoren, Literaturkritiker und diverse politische Persönlichkeiten für Lacher. Das bleibt einem dann aber gleich wieder im Hals stecken. Nach dem Monolog des Axt-Mörders zum Schluss braucht man dann doch ein paar Sekunden, um sich wieder zu fangen.

Fazit: Unterhaltung mit Tiefgang

"heimat.com" erzählt die Geschichte eines verzweifelten jungen Mädchens, setzt sich aber auch mit den Mechanismen der öffentlichen Meinungsbildung im Zeitalter der Massenmedien auseinander. Ohne jemals pathetisch zu werden, erzählt "heimat.com" die bewegende Geschichte einer Familie, die um ihre Heimat kämpft. Unterhaltung mit Tiefgang und einer guten Portion Medienkritik.

KURIER.at-Wertung: **** von *****

Weitere Termine: Donnerstag, 6. Oktober, 19:30 Uhr und Freitag, 7. Oktober, 11:00 Uhr im Dschungel Wien im MQ

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