Neues aus der Plattenkiste

Feist geht es passend zur Jahreszeit verträumt an, Die Vamummtn debütieren wortstark, Kravitz verschwendet sein Talent, Nneka überzeugt und Udo Lindenberg tänzelt unplugged.

Nach der kurzen Flaute im Sommer geht es zu Herbstbeginn wieder los mit frischem Material aus der weiten Welt des Pop. Die KURIER.at-Redaktion hat sich wieder durch diverse Neuveröffentlichungen gehört. Dieses Mal mit dabei: 
Dum Dum Girls + Papermoon + Feist + Lenny Kravitz + Thees Uhlmann + Tonny Bennett + Nneka + Avalanche City + Hard-Fi + Killed By 9V Batteries + A Differnet Kind Of Fix + Still Corners + Die Vamummtn + Udo Lindenberg ...

... Zum Durchklicken... Feist – "Metals"

Sie ist Everybody's Darling: Leslie Feist. Die zierliche kanadische Sängerin und Musikerin hat sich mit ihrem letzten Album "The Reminder" und dem dazu erarbeiteten Gesamtkonzept inklusive einmaliger Bühnenshow in die Oberliga der Pop-Szene gehoben. Dem Zufall wird dabei nur wenig überlassen, was die 2010 veröffentlichte Doku "Look At What The Light Did Now" belegt. Der Erfolg fliegt einem eben nur selten zu. Nun veröffentlicht Leslie Feist ein neues Album mit den Titel "Metals". Regie führte wieder ihr Freund und Wegbegleiter Chilly Gonzales. Dass die Beiden gut zusammenarbeiten, haben sie schon mehrfach unter Beweis gestellt. Auch dieses Mal klappt’s. Feist lässt ihrer rauchige, aber dennoch süße Stimme wieder freien Lauf, dahinter gibt’s ein Beserlschlagzeug Klavierbegleitung, waidwunde Bläser und jede Menge schöne Melodien. Pop-Folk mit einer melancholischen Schlagseite. Mit einem großen Glas Rotwein und Kerzenlicht mag man mit "Metals" schon so einige romantische Minuten verbringen. (Marco Weise) Dum Dum Girls – "Only In Dreams"

Keine Band der Welt trägt so reizende Strumpfhosen wie die Dum Dum Girls. Dass die vier Damen aber nicht nur hübsch anzusehen sind, sondern auch musikalisch einiges drauf haben, beweisen sie mit ihrem neuen Album "Only In Dreams". Darauf rattert das Schlagzeug wieder in schöner 60ies-Manier um die Ecke, werden die Surf-Gitarren mit lackierten Fingernägeln angeschlagen und auch sexy ins Mikro gehaucht. Die Songs klingen dabei stets sonnendurchflutet und die Melodien von einer Zufriedenheit geküsst. Textlich gesehen lässt sich aber ein gewisser Herzschmerz herauslesen. Die Dum Dum Girls sehnen sich nach jemanden zum Händchen halten ("Hold Your Hand"), jemanden der sie liebt und am Morgen wachküsst ("Bedroom Eyes"). Tja, wer tut das nicht…. Tolles Album! (Marco Weise) Die Vamummtn – "Rap is (k)a Ponyhof"

Nach drei Mixtapes veröffentlichen Die Vamummtn aus Wien ihren ersten Longplayer. "Rap is (k)a Ponyhof" nennt sich das gute Stück und wahrlich, Rap ist und war noch nie ein Ponyhof. Zwischen den Möchtegern-Gangsta und Casting-Show-Eintagsfliegen zeigen die Vamummtn, dass man auch ohne große Presse, allein durch harte Arbeit und dem Internet erfolgreich werden kann. Das Debut hält, was die drei vorhergehenden Mixtapes versprochen haben. Partytracks, Abrechnungen mit Möchtegern-Rappern und Danksagungen an den HipHop. Letzteres hört man bei der Fortsetzung des Songs "Free HipHop". "Nintendo" ist eine Huldigung an Spielkonsolen und wird mit 8-Bit-Sound vertont. Kindheitserinnerungen inkludiert. Schön. Oldschool HipHop meets elektronische Beats. Eine gelungene Kombination und Abwechslung. Dieses Mal, Vamummtn untypisch, größtenteils selbst produziert. Aber es gibt auch noch was "g’fladertes". So singen sie statt "Jede Zelle meines Körpers ist glücklich, …" bei dem Song "Zöön": "Es möchtegern Gangsta g’hörts olle in di Zööön, wölls olle so an peinlichen Scheißdreck baut’s…" 
17 Songs, teils inklusive internationale Features, finden sich auf dem Album - damit ist ein Silberling bis zum Anschlag gefüllt. Gut so, damit bekommt man was für sein Geld.
Es ist ein unterhaltsames Album, der Soundtrack für eine Party und zeigt, dass es auch guten HipHop made in Austria gibt und man mit "Wie die Papp‘n g’wachs‘n is" Erfolg haben kann. (Mathias Morscher)

Info: Eine ausführliche Kritik inklusive Vamummtn-Gewinnspiel folgt nächste Woche. Werdet auf Facebook Fan von KURIER KULT und seid informiert. Papermoon - "Wake"

1991 brachte "Tell Me A Poet" Österreich etwas Neues: Die unverschnörkselte Akustik-Gitarre Christof Straubs und die exzellente Balladen-Stimme Edina Thalhammers machten als Duo Papermoon lyrische, massentaugliche Musik aus Österreich und waren trotzdem nicht peinlich. Ein Fortschritt.

Zum 20. Jubiläum erscheint nun "Wake". Das Album beweist, dass Papermoon noch immer massentauglich ist. Auch bereit, Neues auszuprobieren. Nicht mehr so traurig, statt Abendballaden für die Couch sind mehr Songs für einen Sonntags-Frühstückstisch auf der CD. Das kann man als Talent zweier Musiker verbuchen, die sich weiterentwickelt haben und mögen. Oder nicht: Die Einflüsse aus Folk, Country und Indie-Pop machen einige Songs zu Schlagern. Immer noch gut gemachten Schlagern, die Musik bleibt präzise. Aber nicht unbedingt nach dem Geschmack jedes Papermoon-Fans der frühen 1990er. Für die ist aber mit "In My Life" auch ein großer Balladen-Wurf auf der CD. (Axel Halbhuber) Thees Uhlmann – s/t

Musikalisch legt es Uhlmann auf seinem Solo-Debüt sehr umfangreich, opulenter als bei Tomte an. Opulent ist auch der Name der ersten Singelveröffentlichung: "Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf". Produziert wurde das Album vom ehemaligen Miles-Sänger Tobias Kuhn aka Monte, der gerne mal die Gitarren beiseitelässt und das Klavier in den Vordergrund rückt. Trotzdem wagt Uhlmann wenig, überrascht nicht mit einem Stilbruch, fühlt sich bei Gitarre, Bass und Schlagzeug noch immer am besten aufgehoben und generiert so eine hymnische Rockmusik, die immer auf der Suche nach Melodien ist. Um diese legt Uhlmann dann sein Storytelling an, nimmt einen mit auf eine Reise - von Paris im Herbst bis nach Rom in Trümmern, erzählt von dem Mädchen von Kasse 2, kurzen Nächten und Jay-Z. In "& Jay-Z singt uns ein Lied" hat auch der derzeit überall geadelte Casper einen kleinen Gesangspart. Er erzählt Geschichten über sein Leben, seine Heimat, seine Liebe und das Leid, das man hin und wieder ertragen muss. Dies wird - wie bei Tomte - mit ein paar Poesie-Einschüben serviert. Wer mit deutschem Pathos-Rock was anfangen kann, ist hier genau richtig. (Marco Weise) Tonny Bennet – "The Best Of The Improv Recordings"

Tony Bennett ist eine Institution im US-Entertainment-Business. Seit vielen Jahrzehnten zählt der 15-fache Grammy-Preisträger zu den erfolgreichsten Sängern weltweit: Er sang vor elf US-Präsidenten. Am 3. August 2011 feierte der New Yorker seinen 85. Geburtstag. Anlässlich dieses Jubiläums gibt es einerseits "Duets II", auf dem unter anderem Stars wie Lady Gaga, Natalie Cole, Queen Latifah, Aretha Franklin, Norah Jones, John Mayer und Andrea Bocelli mit Bennett zu hören sind.  Andererseits veröffentlicht der Jazz-Oldboy  – wie es bei solchen Jubiläen gehört – auch ein The Best Of. "The Best Of The Improv Recordings" versammelt 16 ausgewähle Songs, die zwischen 1973 und 1977 aufgenommen und via dem Label Improv Records veröffentlicht wurden. Mit dabei: "As Time Goes By", "Blue Moon" oder eine Live-Version von "I Left My Heart in San Franciso". Lenny Kravitz – "Black And White America"

Lenny Kravitz veröffentlicht unter dem Titel "Black And White America" 16 neue Songs mit denen er im Oktober und November auch in europäischen Städten vorstellig wird – in Wien gibt er am 18. November ein Konzert. Auf seinem gefühlten 17. Studioalbum verarbeitet er – wie der Name schon sagt – seine persönlichen Erinnerungen bezüglich der US-amerikanischen Geschichte (Stichwort: Sklaverei, Rassenkonflikte … ) Das Titelstück des Albums fährt dann ganz ordentlich in die Hüften. Der mit druckvollem Disco-Bass, Claps und "Huhuhu"-Chor daherkommende Song ladet zum Grooven ein. Ein Lichtblick, den man Kravitz, der sich ständig unter seinem Wert verkauft, so nicht mehr zugetraut hätte. Was danach folgt, ist dann auch das, was man sich erwarten durfte: Kravitz schließt Rock mit Funk kurz, spielt unnötige Solos, verliert sich im ruckartigen Sprechgesang oder gibt bloß den radiotauglichen Schönling für die Massen. Vielleicht sollte er sich doch lieber um seine neue Firma "Kravitz Design" kümmern, eine kürzlich von ihm gegründete Designfirma... (Marco Weise)

Lenny Kravitz live: 18. November, Wien Still Corners – "Creatures Of An Hour"

Wattebauschigen Dream-Pop aus den 60er Jahren transferieren Still Corners ins hier und jetzt. Das heißt: Sie jagen den unschuldig anmutenden Hauch-Gesang von Tessa Murray durch irgendwelche Effektgeräte und belegen das dabei Entstehende noch mit viel Hall. Darunter legen sie mystisch klingendende Keyboardsounds, Orgelflächen, Feedback-Gitarren und ein reduziertes, an The XX und diverse New-Wave und Postpunk-Nachahmer erinnerndes Rhythmusgerüst. Das klingt dann einerseits märchenhaft und zuckersüß, andererseits melancholisch getrübt und  gespenstisch. Mit Stücken wie der Eröffnungsnummer "Cuckoo" oder das an Nico (The Velvet underground) angelegte "The Twilight Hour" könnte sich das für einen internationalen Durchbruch ausgehen. Ganz schön artsy-fartsy. (Marco Weise) Nneka – "Soul Is Heavy"

Vor kurzem noch Anlass für eine KURIER.at-Videopremiere, jetzt schon in der Plattenkiste: Nneka. Auf ihrem Album "Soul is Heavy" greift sie ihre afrikanischen Wurzeln auf, vermengt sie mit Bläsern, groovenden Bassläufen, gefälligen Beats, viel Soul, ein bisschen Reggae und HipHop. Das neue Album der mit einem herrlichen Afro ausgestatteten Künstlerin ist eine Art persönliches Statement zu den Themen: Liebe ("Do You Love Me"), Schmerz, Politik und Gott ("God Knows Why"). Musikalisch klingt das über weite Strecken des Albums wirklich charmant, leider auch hin und wieder zu brav. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. (Marco Weise)

Nneka live: 8. Dezember - Wien Killed By 9V Batteries – "The Crux"

Die gerne mal aus der Zeit fallende heimische Band Killed By 9V Batteries veröffentlicht ihr bereits mehrmals angekündigtes und immer wieder verschobenes Drittwerk "The Crux"  nun endgültig. Das von Patrick Pulsinger produzierte Album klingt dann soundtechnisch sehr schroff, rau, analog und warm. In altbekannter Lo-Fi-Manier eben, wie es sich für Fans von Bands wie Sonic Youth und Co gehört. Das Titelstück des Albums "Track To The Crux" klingt dann hypnotisch - die Gitarren schlagen Haken, das Tempo variiert ständig und so etwas wie einen Refrain kann man nur schwer ausmachen. Das Quartett rund um Sänger, Gitarrist und Songschreiber Wolfgang Möstl vergisst bei all den raunenden, verstörenden Sounds auf ruhige, beseelte Momente, in denen man die Verzerrer beiseiteschiebt, um Melodien zu säen. Aber vielleicht wollen sie das gar nicht, berühren und so. Ganz nach dem Motto: Die Welt ist kalt, und so sind wir auch. (Marco Weise) Hard-Fi – Killer Sounds

Nach dem Hard-Fi ihr Debütlabum "Stars of CCTV" (2005) veröffentlichten, war das eine Art Anklage gegen die teilweise völlig unbegründete, aber durch die Terror-Gefahr reglementierte Überwachung von fast allem. Zum einen. Zum anderen wurden die Situation in Londons Suburbs dokumentiert. Songs wie "Living for the Weekend" sprechen für sich. Nun veröffentlicht die aus der Londoner Vorstadt Staines stammende Truppe ihr Drittwerk mit dem Titel "Killer Sounds". Darauf experimentieren sie mit den Stilen. Klingt die Eröffnungsnummer "Good For Nothing" noch nach einem Hard-Fi-Song, so wird bei "Fire In The House" der Mainstream mitgedacht. Das klingt wie die Killers - nur halt um einiges schlechter. "Give It up" klingt dann wie ein durchschnittlicher Stones-Song - also auch nicht wirklich überzeugend. Der Rest ist schwach und völlig unbedeutend. Leider. (Marco Weise) Avalanche City - "Our New Life Above The Ground"

Dave Bexter alias Avalanche City wurde mit einer wunderbar beruhigenden Stimme gesegnet, die einem selbst dann noch den Puls in Richtung Ruhezustand schiebt, wenn man sich gerade über die unmoralischen Machenschaften von schönen wie ehemaligen Ministern bis hin zu Jägern und Geld-Sammlern wie Mensdorf-Bredouille – Pardon! – Mensdorf-Pouilly aufregt. Ach ja: Es gilt die Unschuldsvermutung. Nun aber zurück zu Gutem: Das als Ein-Mann-Unternehmen aufgenomme Album "Our New Life Above The Ground" besticht durch einen beseelten Indie-Folk-Pop, der besonders in ruhigen Stücken wie "Drive On" oder "Everybody Knows" gute Überzeugungsarbeit leistet.  Herrlich wie sich im Letzteren ein aus dem Rhythmus laufendes Glockenspiel mit Bexters Stimme ergänzt: "Oh we can hear your heart so loud / Now everybody knows that you are in love." (Marco Weise) Bombay Bicycle Club – A Different Kind Of Fix

Die vier jungen Bubis aus London veröffentlichen mit "A Different Kind Of Fix" ihr bereits drittes Album und wenden sich darauf musikalisch von ihrem Vorgänger "Flaws" ab. Statt mild-verträumten Folk-Pop-Stücken entwerfen sie auf dem neuen Werk Momente der Opulenz: Da schichten sich Keyboardflächen mit Bass, Gitarre und diversem Rhythmus-Geklapper und -Gerassel und zuckersüßem Hauch-Gesang zu einer Wall of Sound, die irgendwo zwischen Grizzly Bear, Coldplay und Brian Eno angesiedelt ist. Soll heißen: Sie spannen den musikalischen Bogen ziemlich weit. Das ist zwar manchmal ein bissl zu viel des Guten, aber man hat das auch schon viel schlechter gehört. Besonders fein: "Lights Out, Words Gone". (Marco Weise)
(KURIER.at / Marco Weise, Mathias Morscher, Axel Halbhuber) Erstellt am
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