Musiklegende John Cale groovte in Krems

Der Altmeister zeigte sich beim Donaufestival von seiner eingängigen Seite. Fast zu solide, aber: Ein coolerer Bühnen-Opa ist kaum vorstellbar.

John Cale zu Gast bei einem Festival, das zwischen Pop und Avantgarde changiert? Da erwartet man sich doch eher Zweiteres, wenn das Velvet Underground-Gründungsmitglied die Bühne betritt. Schließlich hat Cale in den drei Jahren an der Seite von Lou Reed und auch danach Wegweisendes für Jahrzehnte abgeliefert. ... Der Altmeister zeigte sich am Freitag beim Donaufestival in Krems jedoch ganz von seiner zugänglichen, ja sogar poppigen Seite, animierte das Publikum zum Mitklatschen ... ... und trug einen kecken Kilt. Der 69-jährige Waliser hatte auch seine neue Band im Gepäck, die anständig groovte und das Set mit "Heartbreak Hotel" eröffnete. Mit dem Abzählreim-Lied "Hey Ray" beschwor Cale die guten, alten Sechziger, die Cale im hyperkreativen New York verbrachte. Hyperkreativ zeigte sich der Herr im Kilt in Krems allerdings nicht. Statt vertracktem Artrock gab es eher geradlinige Rockstücke wie "Whaddaya Mean By That" und "Catastrophic". Fast zu solide erschien der Gig. Aber: Ein coolerer Bühnen-Opa ist kaum vorstellbar. Stellenweise fühlte man sich sogar an Teenage-Rock und Funpunk-Seligkeit erinnert. Die Schlichtheit der Songs tat aber der Begeisterung im Publikum keinen Abbruch, welches - wie im Programmheft von Pop-Exeget Fritz Ostermayer angekündigt - ein "Hochamt" feiern wollte. Dieses Hochamt wurde der eineinhalbstündige Gig zwar nicht, aber die Agilität des beinahe Siebzigjährigen, der freilich auch zur Gitarre griff, nötigte einem schon Respekt ab. Cale zeigte sich vor allem auch nüchtern. Auf der Bühne griff er höchstens zur Teetasse. Unterstützt wurde der zum Teil auch recht folkige Auftritt von John Cale & Band von Mitgliedern des ausschleßlich aus Frauen bestehenden Femous Orchestra: Vier Backgroundsängerinnen und ebenso viele Blechbläserinnen arbeiteten fürs Donaufestival mit Cale zusammen. Zum Finale ergab das einen imposanten Sound, der das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss. Cale wurde noch einmal auf die Bühne zurückgeholt und verabschiedete sich mit einer schlichten, kleinen Schönheit an der Akustikgitarre. Schön war's, aber nicht so spannend, wie erwartet. Wer Avantgarde-Klänge suchte, war davor im Klangraum Krems in der Minoritenkirche besser aufgehoben. Ben Frost, als Artist-In-Residence für die Programmierung dieses Abends zuständig, präsentierte seine "Music For Solaris". Das auf dem gleichnamigen Roman von Stanislaw Lem basierende Werk gefällt sich zwischen Neuer Musik und popkultureller Avantgarde, wird ergänzt von Videoprojektionen der Tarkovskijs Verfilmung der Science-Fiction-Geschichte aus dem Jahr 1972. Gemeinsam mit Daniel Bjarnason und der Krakow Sinfonietta frönte Ben Frost der Entschleunigung: Musik wie Visuals veränderten sich nur sehr unscheinbar, graduelle Sequenzen erzeugten ein sehr eigentümliches Klangbild und sorgten für atmosphärische Dichte. Danach eröffneten Valgeir Sigurdsson und Puzzle Muteson die Konzertserie in der Messehalle. Der Brite Muteson durfte sich dabei in gefühlvollen Folksongs verlieren. Die kontemplative Ruhe wurde lediglich durch Geräusche aus der Nebenhalle beeinträchtigt: Dort tobte die sogenannte "Vinyl Rally": Die Kunstinstallation von Lucas Abela ist eine überdimensionale Rennstrecke für ferngesteuerte Autos, die mit einem Tonabnehmer versehen über alte Schallplatten hinwegfegen. Nach John Cale folgte dann der Höhepunkt an sphärischen Klängen: Das schwedische Duo Wildbirds & Peacedrums errichte seine perkussiven Klangwelten, die hin und wieder durch Retro-Orgelsound unterstützt wurden. Sängerin Mariam Wallentin legte darauf behutsam ihre Stimme. So müssen wohl Elfen klingen. Karibische Klänge aus der Steeldrum, vermischt mit dem teils schneidenden Schlagzeug Andreas Werliins, ... Als man bereits glaubte, das Nordlicht zu sehen und gänzlich in skandinavischen Sphärenklängen aufzugehen. ... .. wurde man von vier jungen Herrn aus Brooklyn wieder geweckt. Und wie! Liturgy brannten noch nächtens ihr exstatisches Black Metal-Feuerwerk ab, auf die typischen Macho-Posen verzichtend, zeigten sie ihre eigene Lesart des nicht gerade progressiven Genres. Höllenlärm entwickelten sie dabei allemal.
(KURIER.at) Erstellt am
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