Eine Ode an die Hässlichkeit

Die Ausstellung "Böse Dinge" in Hamburg bringt schlechten Geschmack ins Museum.
Auf dem Bild sind Schuhe mit dem Gesicht von Barack Obama, eine weibliche Keramikfigur und eine antike Uhr zu sehen.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten" ist wohl eines der bekanntesten Zitate überhaupt. Trotzdem diskutieren wir fast täglich darüber, was gut oder schlecht, schön oder hässlich ist. Unternehmen geben Unsummen aus, um herauszufinden, welches Produkt den Nerv der Zeit trifft und Wissenschaftler suchen nach Arealen im Gehirn, die für die Geschmacksbildung verantwortlich sind.

Nun hat es der schlechte Geschmack auch ins Museum geschafft. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg zeigt in der Ausstellung "Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks" alte und neue Hässlichkeiten - von totalen Geschmacksverirrungen bis zum sehenswerten Kitsch.

Natürlich werden die Objekte nicht einfach so als hässlich oder böse deklariert, sondern nach einem festgelegten Kriterienkatalog, basierend auf der Publikation "Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe" des Kunsthistorikers Gustav E. Pazaurek von 1912, systematisch kategorisiert.

Impressionen der Ausstellung

Ein altes Nokia-Handy in einem Ständer aus Knochen und einem Schädel.

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Zwei Keds-Sneakers mit einem Porträt von Barack Obama und der US-Flagge.

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Eine antike Uhr mit einer Skulptur einer Ziege und eines Bären auf der Oberseite.

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Eine Keramikfigur einer Frau, deren Brüste als Salz- und Pfefferstreuer dienen.

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Ein Schlüsselanhänger, der Edvard Munchs „Der Schrei“ darstellt.

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Eine silberne Zitruspresse mit drei Beinen steht auf einem weißen Hintergrund.

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Ein USB-Stick in Form eines Daumens.

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Ein weißer Aschenbecher in Form einer knienden Frau mit einem Chromaufsatz.

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Eine goldene Stehlampe in Form eines Gewehrs mit einem schwarzen Lampenschirm.

Ein afghanischer Teppich, der die Anschläge vom 11. September auf das World Trade Center darstellt.

Ein silbernes Klapphandy, verziert mit Strasssteinen und Schmucksteinen in Rosa, Schwarz und Weiß.

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Eine rote Po-Figur mit einem blauen Quadrat auf dem Bauch.

Eine Statue der Jungfrau Maria von Fatima mit einer goldenen Krone.

Eine braune Kunststofffigur mit großen Augen und roten Lippen hält einen Speer.

Eine verzierte, dunkle Amphore mit zwei Henkeln steht vor einem weißen Hintergrund.

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Ein neuer, rosafarbener Toilettensitz mit Rosenmuster und der Aufschrift „Soft Seat“.

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Ein Wecker in Form einer Moschee mit goldener Kuppel und Minaretten.

Das Pazaurek‘sche "Schreckenskabinett"

1909 eröffnete Gustav E. Pazaurek im Stuttgarter Landesmuseum eine "Abteilung der Geschmacksverirrung" mit dem Ziel, Menschen zum "guten Geschmack" zu erziehen. Diese Schausammlung enthielt ausnahmslos abschreckende Beispiele kunsthandwerklicher Erzeugnisse, die den "schlechten" Geschmack am Gegenstand entlarven sollten. Für die Ausstellung und in seiner Publikation "Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe" entwickelte Pazaurek eine umfangreiche Systematik zur Klassifizierung der Dinge. Dabei griff er zu drastischen Begriffen wie "Dekorbrutalitäten", "Materialvergewaltigung" oder "funktionelle Lügen". Worin aber liegt das Böse eines Objekts? Für Pazaurek vor allem in der äußeren Erscheinung, der Materialität und Konstruktion des Gegenstands. Er war der Ansicht, dass Dinge einen starken Einfluss auf den Menschen haben und in der Lage seien, ihn in seinem Sein zu verändern.

Tauschbörse und "Name that Thing"

Wer selbst Besitzer eines überflüssigen Souvenirs, Schwiegermutter-Geschenks oder sonst einer Hässlichkeit ist, kann es im Rahmen einer Tauschbörse gegen ein anderes "böses" Ding tauschen. Parallel zur Ausstellung zeigt das MKG das Projekt "Name That Thing" der Muthesius-Kunsthochschule Kiel. Studierende beschäftigen sich in Projektionen, Installationen, Objekten, Fotografien und Texten mit dem Thema der Kitschkunst und nehmen auch das Museum als geschmacksbildende Instanz ins Visier.

Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks
16. Mai bis 15. September 2013
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

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