Neue Mittelschule enttäuscht

Die Testergebnisse sind ähnlich wie in der "alten" Hauptschule.
Ein Schild an einer orangefarbenen Wand fordert „Bitte Ruhe!“ während der Standardüberprüfung Mathematik.

Jene 150.000 Schülerinnen, die – aus allen Bundesländern Österreichs – im vergangenen Jahr bei den Bildungsstandards getestet wurden, erfahren am Freitag, wie sie dabei abgeschnitten haben. Die Volksschüler der 4. Klasse mussten ihre Mathematikkenntnisse unter Beweis stellen, Schüler der 8. Schulstufen ihre Englischkenntnisse. Erstmals wurden auch die Ergebnisse der Schüler aus den Neuen Mittelschulen (NMS) gesondert ausgewiesen. Das Resultat: Die NMS-Schüler haben im Schnitt 478 Punkte erreicht, die Hauptschüler 480, während die AHS-Schüler 600 Punkte erreicht haben.

Eine Frau mit kurzem braunem Haar gestikuliert mit ihren Händen.
"Bei uns ist es so, dass er die gesamte Wäsche macht." Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) lässt lieber ihren Mann ans ungebügelte Hemd.
Auch wenn die NMS etwa gleich gut abschneidet wie die Hauptschule, ist die neuen Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hoschek ( SPÖ) dennoch zufrieden: „Die Neue Mittelschule punktet vor allem im Bereich der Chancengleichheit“, so Heinisch-Hosek. Der Unterschied zwischen Mädchen und Buben und zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund ist in dieser Schulform viel kleiner. Heißt: Migranten werden hier weitaus besser gefördert als in den Hauptschulen. Erfreulich ist aus Sicht des Ministeriums auch, dass seit 2009 ein deutlicher Aufwärtstrend zu beachten ist. Christian Wiesner vomBifie, das die Testung durchgeführt hat: "Beim Lesen und Hören haben die Schüler deutliche Fortschritte gemacht. Beim Schreiben sind die Schüler auf dem Niveau von 2009. Im Schnitt ist das ein Plus von 19 Punkten." Die Mädchen sind immer noch besser als die Buben.

Mathematik

Einen deutlicheren Aufwärtstrend gibt es im Fach Mathematik: Hier erreichen die Viertklässler im Schnitt 533 Punkten (2010: 500 Punkte). Allerdings erreicht nicht einmal ein Drittel der Volksschüler die Bildungsstandards. Wie gut ein Kind rechnen kann, hängt stark vom Elternhaus ab. Der Unterschied zwischen einem Kind von Eltern mit Pflichtschulabschluss und einem Akademikerkind macht 120 Punkte aus.

Nicht nur die Schüler, auch 10.000 Lehrer und 4.500 Schulleiter erhalten heute die Ergebnisse. Die Tests sind laut Bifie-Direktor Christian Wiesner seien vor allem für die Schulentwicklung da. Für diese müsse man den Standorten aber auch Zeit geben. Gegen eine von Kritikern geforderte, lediglich stichprobenartige Erhebung wehrte Heinisch-Hosek sich. „Wir wollen bis in den kleinsten Standort hineinschauen können“, betont sie die Wichtigkeit einer Vollerhebung. Wiesner: „Dann würden nur Systemdaten vorliegen und das würde für die Schulentwicklung nichts bringen.“

Ziel der Standards sei nicht ein Wettbewerb zwischen Bundesländern, Schulen oder Schulformen, strich Heinisch-Hosek hervor. Sie seien „ein Instrument der Feedbackkultur.“ Mit der Akzeptanz durch die Schulen zeigte sie sich zufrieden: Nach den ersten Ergebnisrückmeldungen im vergangenen Jahr hätten zwei Drittel aller Schulen „begonnen, etwas mit den Ergebnissen zu tun“. Nur die AHS müssten noch stärker überzeugt werden, die Rückmeldemoderatoren stärker einzusetzen und dadurch Schulentwicklung voranzutreiben.

Test-Pause

Nächstes Jahr will Heinisch-Hosek den Schulen bei den Bildungsstandards „eine Pause zum Durchatmen“ gönnen und dann einen neuen Testrhythmus starten. Statt bisher jedes Jahr sollen künftig nur noch alle zwei Jahre rotierend die Fächer Mathematik und Deutsch (Volksschule) bzw. in der achten Schulstufe zusätzlich auch Englisch abgeprüft werden.

Reaktionen

Ein Mann mit Brille gestikuliert vor einem Wahlplakat.
APA11848198 - 12032013 - WIEN - ÖSTERREICH: Der neugewählte AK-Präsident Rudolf Kaske während einer Pressekonfernz nach der Hauptversammlung der Bundesarbeitskammer am Dienstag, 13. März 2013, in Wien. APA-FOTO: ROBERT JAEGER
Arbeiterkammerpräsident Rudi Kaske weist darauf hin, dass Schulerfolg immer noch sehr vom Elternhaus abhängt. Er fordert deshalb "die Zuteilung der Mittel an die Schulen nach sozialen Kriterien.

Derzeit spielt es bei der Mittelzuteilung auf einzelne
Schulstandorte keine Rolle, wie viele SchülerInnen aus sozial
benachteiligten Familien kommen." Es müsse ein entsprechendes
Modell entwickelt werden. Muster könnten erfolgreiche Modelle in der Schweiz, einigen deutschen Bundesländern, in Belgien und in den Niederlanden sein.

Ein Mann mit Brille und grauem Haar trägt einen Anzug.
Harald Walser, Grüne
Der Grüne Bildungssprecher Harald Walser findet die Ergebnisse der Neuen Mittelschule besonders bedrückend: "Ich sehe mich in meiner Skepsis bei der Einführung der NMS bestätigt. Hier wurde ein Schultyp ins Regelschulwesen übernommen, ohne eine Evaluierung durchzuführen. Das war unverantwortlich, rächt sich nun und demotiviert die Kinder ebenso wie ihre Eltern und die Lehrkräfte!" Schuld an der Situation ist laut Walser die Politik: "Wer ein System jahrelang wider besseres Wissen aufrecht erhält, handelt nicht nur gegenüber den Kindern verantwortungslos, sondern auch gegenüber dem Wirtschaftsstandort. Das vor allem ins Stammbuch der Bundes-ÖVP!"

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