Kultur/Buch

Die Apokalypse für weiße Rassisten

Nach dem Aufwachen ist man manchmal so ganz anders.

Das hat Gregor Samsa bei Kafka überdeutlich gemerkt, als er plötzlich ein Riesenungeziefer war.

Das geschieht auch einem Mann, der Anders heißt. Er ist ein weißer Mann, aber nach dem Aufwachen ist seine Haut tiefbraun. Sein neues Gesicht macht ihn wütend.

Zitat: „Am liebsten hätte er ihn umgebracht, diesen dunkelhäutigen Menschen ...“ (der ihm im Spiegel gegenüber steht).

Anders geht gleich wieder schlafen. Es hilft nichts. Dunkelbraun. Tagelang versteckt er sich.

11. September

Blenden wir um zu Mohsin Hamid - Foto oben - und in die sogenannte Realität.

Er ist in Lahore, Pakistan, geboren, studierte in den USA Wirtschaftswissenschaften und lebt jetzt die meiste Zeit in London, wo er in einer Werbeagentur arbeitet. Mit Büchern wie „Der Fundamentalist, der keiner sein wollte“ und „Exit West“ überraschte und beeindruckte er weltweit.

Mohsin Hamid verlangt, dass Romane dort hinschauen, wo wir alle wünschenswerterweise hingehen können.

Er meint: „Dumme“ Vorstellungen, die wir vielleicht geerbt haben, können durch Literatur destabilisiert werden.

Hamids Haut ist nicht weiß, sein Name ist muslimisch. Trotzdem fühlte er sich als halbwegs gut bezahlter Einwohner einer Weltstadt zumindest als Teilmitglied der weißen Gesellschaft.

Dann kam der 11. September. Nach dem Terroranschlägen der al-Qaida wachte er gewissermaßen mit neuem Gesicht auf. Denn nun schaute man ihn misstrauisch an, auf Flughäfen, in der Eisenbahn, im Bus.

So wurde die Idee zu „Der letzte weiße Mann“ (ein verwirrender Titel übrigens) geboren – nicht satirisch geschrieben ist das Buch, sondern ein sehr ernstes und unbequemes Märchen ist es geworden; mit der für Mohsin Hamid typischen Leichtigkeit.

Beim Lesen fällt der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago ein mit seinem Roman über ein Land, in dem niemand mehr stirbt („Eine Zeit ohne Tod“).

Bei Mohsin Hamid bedeutet die Änderung zunächst den Weltuntergang für weiße Rassisten. Es gibt Unruhen, solange es Weiße gibt. Sie feuern einander an: „Wir werden gewinnen!“ Und sie versuchen, die Dunkelhäutigen aus der Stadt zu jagen.

Aber langsam verwandeln sich alle in der namenlosen Stadt (außer sie sterben rechtzeitig), und irgendwann ist die Hautfarbe egal, irgendwann verblasst die Erinnerung an das Weißsein.

Irgendwann kommt die Erleuchtung.

Wenn man extrem optimistisch ist, kann man daran glauben.


Mohsin Hamid: „Der
letzte weiße Mann“
Übersetzt von
Nicolai Schweder-Schreiner.
DuMont Verlag.
160 Seite.
23,50 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern