Kultur

Amanda Palmer: Schockierend ehrliche Beichte

Zwei Abtreibungen und eine Fehlgeburt, ausgerechnet zu Weihnachten; Der sich über vier Jahre hinziehende Krebstod ihres besten Freundes, der schließlich in ihren Armen starb; Der Selbstmord eines Ex-Freundes, der sich erschoss; Eine Geburt, gefolgt von tiefen Zweifeln – sowohl an den Fähigkeiten als Mutter, als auch an denen as Musikerin.

 

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Sechs Jahre lang hatte Amanda Palmer, die ihren Stil als „Brechtsches Punk-Kabarett“ bezeichnet, keine Atempause. Schicksals-Schläge und lebensverändernde Ereignisse folgten so dicht aufeinander, dass die 42-jährige Amerikanerin ihr kommenden Freitag erscheinendes Album „There Will Be No Intermission“ genannt hat. Darin beschreibt sie fast schockierend ehrlich, was ihr widerfahren ist. In „A Mother’s Confession“ sogar, wie ihr ihr Sohn Anthony in einer unaufmerksamen Sekunde vom Wickeltisch fiel.

 

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Aber das war längst nicht der Song von „There Will Be No Intermission“, der der Gattin des Autors Neil Gaiman, am schwersten fiel. Es war „Voicemail for Jill“, ein Lied, das sich an eine Freundin richtet, die auf dem Weg in die Abtreibungs-Klinik ist, und ihr Mut zuspricht.

In der Hölle

„Seit 25 Jahren wollte ich einen Song über Abtreibung schreiben, habe es aber nie richtig hinbekommen“, sagt sie im KURIER-Interview. „Das ist nämlich eine Erfahrung mit so vielen Dimensionen. Du gehst durch eine Hölle von Unentschlossenheit. Und das ganz alleine, während von Außen unterschwellig dauernd Beurteilung und Schande auf dich zukommt. Es ist auch körperlich eine extreme Erfahrung. Deshalb wollte ich in dem Song nicht predigen, auch nicht sentimental werden und ihn auch nicht politisch färben. Ich wollte, dass er eine Übung in Einfühlungsvermögen ist. Etwas, das ich Frauen geben kann, die morgens aufstehen und wissen, dass sie das heute tun werden.“

 

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Palmer, die seit langem eine Unterstützerin der Organisation „Planned Parenthood“ (Anm. „Geplante Elternschaft“) ist, hat selbst drei Abtreibungen hinter sich. Eine hatte sie schon mit 17, weil es ihr unmöglich erschien, neben der Schule ein Baby aufzuziehen.

Stärke gefunden

Zwei Abtreibungen hatte sie während ihrer Ehe. Eine musste aus medizinischen Gründen sein. Die andere war eine bewusste Entscheidung, weil sich Palmer in der Situation, in der sie damals war, „nicht dazu bringen konnte, ein Kind zu wollen“.

 

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Jetzt hat sie einen dreijährigen Sohn, führt die Tatsache, dass sie bei ihm eine natürliche Geburt ohne Schmerzmittel durchstehen konnte, der Stärke zu, die sie durch die Abtreibung gewinnen konnte. „Am Ende dachte ich: Ich habe genug davon, mich nach anderen zu richten: Es ist meine Zukunft, darüber entscheide nur ich alleine – genauso wie über meinen Körper!“

 

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Bedenken, das alles – aber auch die „dunkle Seite der Mutterschaft“, Tod und Verlust – fast wie Tagebucheinträge in Songs zu fassen, hatte sie nicht: „Ich habe mehr Angst davor, Lieder ohne Bedeutung zu schreiben. Ich habe das alles aber auch nicht bewusst für ein Album geschrieben, sondern um zu überleben und einen Sinn in all den Dramen zu finden. Speziell beim Thema Abtreibung fühlt es sich schon irritierend an, diejenige zu sein, die als erste darüber spricht. Aber ich hoffe, dass in 2019 alle so aufgeklärt sind, zu sehen, dass jeder über das sprechen soll, was ihm emotional wichtig ist. Dass wir das bis jetzt nicht zugelassen haben, hat uns als Gesellschaft so zu Grunde gerichtet.“

Das Schweigen brechen

Insofern ist Palmer begeistert von der #MeToo-Bewegung. „Das ist so inspirierend “, sagt sie. „Endlich wachen wir auf und sehen, dass wir Frauen für Jahre systematisch mit der Androhung von Bestrafung zum Schweigen gebracht wurden. Eine musste das Schweigen brechen und dann kam es wie eine Flut, dass alle aufstehen und sagen: Genug davon! Wir haben es satt, weniger zu verdienen, wir haben es satt, zweitklassige Bürger zu sein, wir haben es satt, dass man uns sagt, was wir mit unserem Körper machen sollen. Die Veränderungen werden sicher nicht über Nacht kommen. Aber sie werden kommen. Und ich möchte mich für unseren Präsidenten entschuldigen: Der ist dabei absolut nichthilfreich.“

 

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INFO

Amanda Palmer auf Österreich Tournee:

14. 9. Wien/Konzerthaus

15. 9. Graz/Stefaniensaal

 Karten gibt es unter: www.musicticket.at oder www.oeticket.com